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Warum Wachstum Vertrauen schafft

Eine Brandmauer allein löst kein Vertrauensproblem. Wer Populismus schwächen will, muss die Ursachen angehen: wirtschaftliche Unsicherheit, Stagnation, Bürokratie und einen Staat, der zu oft nicht liefert.

Autor: Jörn Biernoth

In politischen Debatten wird derzeit viel über „Brandmauern“, Abgrenzung und den richtigen Umgang mit extremen Parteien gesprochen. Diese Debatten sind nicht unwichtig. Eine liberale Demokratie muss wissen, wo ihre Grenzen liegen. Sie muss klar benennen, was mit Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Marktwirtschaft und Menschenwürde vereinbar ist – und was nicht. Aber wer nur über Abgrenzung spricht, löst noch nicht das Problem, das viele Bürgerinnen und Bürger überhaupt erst in die Arme populistischer Parteien treibt.

Die entscheidende Frage lautet: Warum verlieren Menschen Vertrauen in den Staat, in Parteien, in Parlamente, in demokratische Verfahren? Warum wächst die Bereitschaft, Parteien zu wählen, die einfache Antworten geben, Institutionen verächtlich machen und politische Gegner nicht als Konkurrenten, sondern als Feinde behandeln? Eine wachsende Zahl ökonomischer und politikwissenschaftlicher Studien gibt darauf eine klare Antwort: Wirtschaftliche Erfahrungen prägen politisches Vertrauen. Wer über Jahre erlebt, dass Wohlstand wächst, dass Leistung sich lohnt, dass Arbeit zu Aufstieg führt und dass die Zukunft besser werden kann als die Gegenwart, entwickelt eher Vertrauen in den Staat und in die demokratische Ordnung. Wer dagegen Stagnation, Abstieg, Unsicherheit, Arbeitslosigkeit oder realen Kaufkraftverlust erlebt, verliert dieses Vertrauen leichter.

Für Liberale ist diese Erkenntnis zentral. Sie bedeutet: Die Verteidigung der liberalen Demokratie beginnt nicht erst bei Geschäftsordnungsfragen im Parlament. Sie beginnt bei wirtschaftlicher Vernunft. Sie beginnt bei Wachstum, Investitionen, Bildung, Eigentum, funktionierender Verwaltung, bezahlbarer Energie, wettbewerbsfähigen Unternehmen und einem Staat, der seine Kernaufgaben erfüllt. Kurz: Sie beginnt dort, wo Menschen im Alltag spüren, ob ein Land funktioniert.

Oft wird Wirtschaftswachstum in der politischen Debatte so behandelt, als sei es eine abstrakte Zahl für Ökonomen. Bruttoinlandsprodukt, Produktivität, Investitionsquote, Reallöhne – all das klingt technisch. Doch Wachstum ist für Bürgerinnen und Bürger kein ökonomisches Glasperlenspiel. Wachstum ist die Erfahrung, dass der erste Job Perspektive bietet. Dass ein Handwerksbetrieb investieren kann. Dass eine Familie Wohneigentum zumindest für erreichbar hält. Dass eine Gründerin nicht an Bürokratie und Finanzierung scheitert. Dass der Staat Schulen, Infrastruktur und Sicherheit finanzieren kann, ohne jede neue Herausforderung sofort mit höheren Steuern zu beantworten.

Genau diesen Zusammenhang untersucht die Studie Growth Experiences and Trust in Government von Tim Besley, Chris Dann und Sacha Dray. Die Autoren analysieren, wie die über das Leben hinweg erlebten Wachstumsraten das Vertrauen in Regierungen beeinflussen. In der CEPR-Version der Studie, Growth Experiences and Trust in Government , wird beschrieben, dass die Forscher einen harmonisierten globalen Datensatz aus großen internationalen Meinungsumfragen nutzen – mit Millionen Befragten aus zahlreichen Ländern. Der Kernbefund: Menschen, die in ihrem Leben höhere Wachstumsraten erlebt haben, vertrauen Regierungen eher. Besonders stark ist dieser Zusammenhang in Demokratien.

Das ist politisch hoch relevant. Denn es zeigt: Vertrauen in den Staat ist nicht einfach eine Frage besserer Kommunikation. Es reicht nicht, wenn Politikerinnen und Politiker erklären, dass alles eigentlich gut sei. Bürger messen Politik an Erfahrungen. Wenn ihr Land über Jahre wächst, wenn Chancen entstehen, wenn Wohlstand breiter wird, dann wird der Staat eher als handlungsfähig wahrgenommen. Wenn dagegen der Eindruck entsteht, dass die öffentliche Infrastruktur verfällt, dass Energie teurer wird, dass Unternehmen abwandern, dass Wohnen unbezahlbar wird und dass die nächste Generation weniger erreichen kann als die vorige, dann sinkt Vertrauen.

Bemerkenswert ist auch, dass Besley, Dann und Dray nicht einfach sagen: Wirtschaftswachstum macht Menschen allgemein vertrauensvoller. Ihre Analyse unterscheidet zwischen Vertrauen in die Regierung und zwischenmenschlichem Vertrauen. Der Zusammenhang zeigt sich vor allem beim Vertrauen in staatliche Institutionen. Das ist plausibel: Bürger schreiben wirtschaftliche Entwicklung zumindest teilweise politischer Steuerung zu. Sie fragen nicht nur: „Wie geht es mir?“ Sie fragen auch: „Funktioniert dieses Land noch?“ Genau hier liegt der liberale Auftrag.

Eine zweite wichtige Forschungsrichtung betrachtet nicht nur das Wachstum über das ganze Leben, sondern besonders die prägenden Jahre. Menschen bilden politische Grundüberzeugungen nicht im luftleeren Raum. Wer als junger Erwachsener in eine Phase von Aufstieg, Beschäftigung und Optimismus hineinwächst, entwickelt andere Erwartungen an Politik als jemand, der in Krise, Arbeitslosigkeit und Unsicherheit erwachsen wird.

Dazu passt die Studie Past exposure to macroeconomic shocks and populist attitudes in Europe von Despina Gavresi und Anastasia Litina. Die Autorinnen untersuchen, wie makroökonomische Schocks in den sogenannten „impressionable years“, also den prägenden Jahren zwischen 18 und 25, spätere politische Einstellungen beeinflussen. Ihr Ergebnis ist deutlich: Wer in dieser Lebensphase wirtschaftliche Schocks erlebt, ist später eher anfällig für populistische Parteien und zeigt geringeres Vertrauen in nationale und europäische Institutionen.

Das ist mehr als eine akademische Fußnote. Es erklärt, warum wirtschaftliche Krisen politisch lange nachwirken können. Eine Rezession ist nicht vorbei, wenn das BIP statistisch wieder wächst. Für Menschen, die während einer Krise ihren Berufseinstieg verpasst haben, deren Ausbildungsbetrieb geschlossen wurde, deren Eltern Arbeitslosigkeit erlebt haben oder die den Eindruck gewonnen haben, dass Leistung und Anstrengung nicht mehr zu Sicherheit führen, bleibt die Erfahrung prägend. Sie wird Teil der politischen Biografie.

Für Deutschland ist das eine Warnung. Junge Menschen erleben derzeit hohe Wohnkosten, teure Energie, eine stagnierende Wirtschaft, überlastete Verwaltungen, Unsicherheit über Renten und Sozialabgaben, eine schwierige Gründungsfinanzierung und eine Bildungspolitik, die Aufstieg zu oft verspricht, aber zu selten ermöglicht. Wenn eine ganze Generation den Eindruck gewinnt, dass das Land seinen Zukunftsvertrag nicht mehr einhält, dann entsteht daraus nicht nur ökonomische Frustration. Daraus entsteht politisches Misstrauen.

Liberale Politik muss deshalb besonders auf die Chancen der jungen Generation schauen. Es geht nicht allein um Entlastung heute. Es geht um die Frage, welche Erfahrungen junge Menschen zwischen 18 und 25 machen: Erleben sie ein Land der Möglichkeiten – oder ein Land der Blockaden? Erleben sie Verwaltung als Partner – oder als Bremse? Erleben sie Arbeit als Aufstiegspfad – oder als Finanzierungsquelle für einen immer größeren Staat? Die Antwort auf diese Fragen entscheidet mit darüber, wie stabil die Demokratie morgen ist.

Eine weitere wichtige Studie ist Economic Insecurity, Institutional Trust and Populist Voting Across Europe von Denis Ivanov. Sie untersucht den Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Unsicherheit, Vertrauen in Institutionen und populistischem Wahlverhalten in Europa. Entscheidend ist hier nicht nur, ob jemand objektiv arm oder reich ist. Entscheidend ist auch, ob Menschen sich unsicher fühlen: Ist der Arbeitsplatz stabil? Reicht das Einkommen? Sind die Lebenshaltungskosten beherrschbar? Gibt es Vertrauen, dass Institutionen fair handeln?

Ivanov zeigt: Wirtschaftliche Unsicherheit erhöht die Wahrscheinlichkeit populistischen Wahlverhaltens. Institutionelles Vertrauen wirkt grundsätzlich dämpfend – wer Institutionen vertraut, wählt seltener populistisch. Aber dieser Schutzmechanismus wird schwächer, je stärker die wirtschaftliche Unsicherheit wird. Bei den wirtschaftlich am stärksten verunsicherten Menschen wird Vertrauen in Institutionen nahezu irrelevant für die Wahlentscheidung. Anders gesagt: Wenn die materielle Unsicherheit groß genug ist, verliert die institutionelle Bindung ihre politische Schutzwirkung.

Das ist für die politische Praxis entscheidend. Man kann Menschen nicht dauerhaft mit Appellen an demokratische Verantwortung erreichen, wenn sie den Eindruck haben, dass ihre ökonomische Lage ignoriert wird. Wer jeden Monat kämpfen muss, um Miete, Energie, Mobilität und Lebensmittel zu bezahlen, wird durch abstrakte Institutionenrhetorik kaum zurückgewonnen. Wer erlebt, dass sein Betrieb unter Bürokratie, Fachkräftemangel, hohen Abgaben und unsicheren Energiepreisen leidet, will nicht hören, dass die Demokratie „resilient“ sein müsse. Er will wissen, ob Politik die Probleme lösen kann.

Hier liegt eine zentrale liberale Aufgabe: Wir müssen Vertrauen nicht behaupten, sondern erarbeiten. Vertrauen entsteht, wenn der Staat liefert. Wenn Genehmigungen schneller werden. Wenn Steuern und Abgaben Leistung nicht erdrücken. Wenn Schulen funktionieren. Wenn Polizei und Justiz handlungsfähig sind. Wenn Infrastruktur nicht jahrzehntelang geplant, sondern gebaut wird. Wenn Gründerinnen und Gründer nicht zuerst Formulare studieren müssen, bevor sie Wertschöpfung schaffen dürfen.

Die Studie The European Trust Crisis and the Rise of Populism von Yann Algan, Sergei Guriev, Elias Papaioannou und Evgenia Passari gehört zu den einflussreichen Arbeiten zu diesem Thema. Die Autoren untersuchen die Folgen der Großen Rezession für Vertrauen, politische Einstellungen und Wahlverhalten in Europa. Ihr Befund: Regionen, in denen die Arbeitslosigkeit nach der Finanzkrise besonders stark stieg, verzeichneten auch stärkere Zuwächse für populistische und anti-establishment Parteien. Gleichzeitig sank das Vertrauen in nationale und europäische politische Institutionen.

Wichtig ist dabei: Die Studie findet den Zusammenhang nicht primär beim zwischenmenschlichen Vertrauen, sondern vor allem beim Vertrauen in politische Institutionen. Das deckt sich mit der Logik der Wachstumserfahrungen: Menschen unterscheiden sehr wohl, ob sie Nachbarn, Kollegen und Freunden vertrauen – oder ob sie glauben, dass politische Institutionen leistungsfähig, fair und zukunftsfähig sind.

Die politische Schlussfolgerung ist unbequem, aber notwendig: Populismus ist nicht nur ein Kommunikationsproblem. Er ist nicht nur das Ergebnis schlechter Social-Media-Strategien oder mangelnder politischer Bildung. Diese Faktoren spielen eine Rolle, aber sie erklären nicht ausreichend, warum populistische Bewegungen gerade nach ökonomischen Schocks stark werden. Wenn Arbeitslosigkeit steigt, wenn Lebensstandard bedroht ist, wenn Regionen abgehängt werden, dann verliert die politische Mitte an Glaubwürdigkeit. Und wenn die Mitte keine überzeugende Antwort auf ökonomische Unsicherheit gibt, entsteht Raum für radikale Vereinfacher.

Das bedeutet nicht, dass wirtschaftliche Faktoren alles erklären. Kultur, Migration, Identität, Sicherheit und gesellschaftlicher Zusammenhalt spielen ebenfalls eine Rolle. Aber die Studienlage zeigt: Ökonomische Erfahrungen sind ein zentraler Treiber. Wer diese Dimension ausblendet, bekämpft Symptome und übersieht Ursachen.

Eine häufig übersehene Erkenntnis liefert die Studie Economic insecurity and the demand for populism in Europe von Luigi Guiso, Helios Herrera, Massimo Morelli und Tommaso Sonno. Die Autoren zeigen, dass wirtschaftliche Unsicherheit den populistischen Stimmenanteil nicht nur direkt erhöht, weil verunsicherte Wähler stärker zu populistischen Parteien tendieren. Sie wirkt auch indirekt über sinkende Wahlbeteiligung. Wenn wirtschaftliche Unsicherheit zunimmt, bleiben manche Bürgerinnen und Bürger der Wahl fern. Dadurch verändert sich die Zusammensetzung der Wählerschaft – und populistische Parteien profitieren zusätzlich.

Das ist demokratietheoretisch brisant. Populismus wächst nicht nur, weil mehr Menschen radikal wählen. Er wächst auch, weil andere Menschen sich zurückziehen. Resignation ist politisch nicht neutral. Wer nicht mehr glaubt, dass demokratische Politik die eigene Lage verbessern kann, überlässt das Feld denen, die Wut mobilisieren. Eine Demokratie verliert nicht nur durch Extremismus. Sie verliert auch durch Gleichgültigkeit, Erschöpfung und den Rückzug derjenigen, die sich nicht mehr vertreten fühlen.

Für die FDP und für liberale Politik insgesamt heißt das: Wir müssen nicht nur Wählerinnen und Wähler von anderen Parteien überzeugen. Wir müssen auch Menschen zurückgewinnen, die sich innerlich aus der Politik verabschiedet haben. Das gelingt nicht durch moralische Überlegenheit. Es gelingt durch konkrete Verbesserungen. Durch eine Politik, die Alltagserfahrungen verändert: schneller bauen, einfacher gründen, leichter arbeiten, besser aufsteigen, sicherer investieren, günstiger leben.

Die Debatte um die Brandmauer hat ihre Berechtigung. Demokratische Parteien dürfen nicht naiv gegenüber Kräften sein, die Institutionen verächtlich machen, Minderheiten pauschal verdächtigen oder liberale Grundrechte relativieren. Eine klare Abgrenzung gegenüber extremen Parteien ist notwendig. Aber eine Brandmauer ist kein Wirtschaftsprogramm. Sie schafft keine Jobs. Sie senkt keine Strompreise. Sie baut keine Wohnungen. Sie digitalisiert keine Verwaltung. Sie saniert keine Schulen. Sie beschleunigt keine Planungsverfahren. Sie ersetzt keine Wachstumsstrategie.

Wer Populismus wirklich schwächen will, darf sich deshalb nicht mit symbolischer Abgrenzung zufriedengeben. Die Brandmauer kann verhindern, dass extreme Parteien kurzfristig Macht erhalten. Sie kann aber nicht verhindern, dass Menschen sie wählen. Dafür braucht es eine Politik, die die Ursachen von Frustration reduziert.

Die Studienlage legt nahe: Vertrauen wächst, wenn Menschen erleben, dass ihr Land wirtschaftlich vorankommt. Vertrauen sinkt, wenn Menschen dauerhaft Stagnation, Unsicherheit und Abstieg erfahren. Daraus folgt eine klare Prioritätensetzung. Die politische Mitte muss wieder beweisen, dass sie Probleme lösen kann. Für uns Liberale bedeutet das: Wachstumspolitik ist Demokratiepolitik.

Was folgt daraus konkret? Erstens brauchen wir eine neue Wertschätzung für Wachstum. Wachstum ist nicht das Gegenteil von Nachhaltigkeit, sozialer Stabilität oder Lebensqualität. Ohne Wachstum werden Verteilungskonflikte härter. Ohne Produktivitätsfortschritt wird der Sozialstaat unbezahlbarer. Ohne Investitionen verliert ein Land technologische Souveränität. Ohne erfolgreiche Unternehmen fehlen Steuereinnahmen, Ausbildungsplätze und Innovationen.

Zweitens brauchen wir eine Entlastung von Arbeit und Unternehmertum. Wenn Menschen den Eindruck gewinnen, dass sich Leistung nicht mehr lohnt, leidet nicht nur die Wirtschaft. Es leidet auch das Vertrauen in Fairness. Ein Steuersystem, das Leistung übermäßig belastet, schwächt den Aufstiegswillen. Ein Transfersystem, das zu wenig auf Aktivierung setzt, schwächt den Glauben an Gegenseitigkeit. Liberal ist ein Staat, der absichert, aber auch befähigt; der hilft, aber nicht entmündigt; der Chancen öffnet, statt Abhängigkeiten zu verwalten.

Drittens muss der Staat funktionieren. Viele Menschen verlieren Vertrauen nicht wegen großer ideologischer Debatten, sondern wegen konkreter Alltagserfahrungen: ein Bürgeramtstermin, der nicht zu bekommen ist; eine Baugenehmigung, die Monate dauert; eine Schule, deren Toiletten kaputt sind; eine Bahn, die nicht fährt; ein Gründer, der an Formularen verzweifelt. Staatsvertrauen entsteht nicht durch Kampagnen, sondern durch Leistungsfähigkeit.

Viertens brauchen wir eine Energie- und Industriepolitik, die Wettbewerbsfähigkeit ernst nimmt. Wer Energie künstlich verteuert, Produktion erschwert und Investitionen unsicher macht, gefährdet Arbeitsplätze und Wohlstand. Klimaschutz gelingt nicht durch Deindustrialisierung, sondern durch Innovation. Ein Land, das Technologien entwickelt, exportiert und skaliert, leistet mehr für das Klima als ein Land, das Produktion ins Ausland verdrängt.

Fünftens müssen wir jungen Menschen wieder ein Aufstiegsversprechen geben. Die Forschung zu prägenden Jahren zeigt, wie wichtig frühe wirtschaftliche Erfahrungen sind. Deshalb sind Bildung, Ausbildung, Gründungschancen, bezahlbares Wohnen und Vermögensbildung keine Randthemen. Sie entscheiden darüber, ob die nächste Generation die Demokratie als Chancenordnung erlebt.

Gerade in Berlin zeigt sich, worum es geht. Berlin ist eine Stadt voller Talente, Ideen, Gründergeist, Wissenschaft, Kultur und internationaler Offenheit. Gleichzeitig erleben viele Menschen eine Verwaltung, die zu langsam ist, einen Wohnungsmarkt, der Aufstieg erschwert, Schulen, die zu oft nicht funktionieren, und eine Infrastruktur, die dem Anspruch einer europäischen Hauptstadt nicht genügt. Eine Stadt wie Berlin müsste ein Versprechen sein: Wer etwas kann, wer etwas wagt, wer arbeiten, gründen, forschen, investieren oder Verantwortung übernehmen will, findet hier die besten Bedingungen.

Zu oft erleben Menschen aber das Gegenteil. Sie erleben, dass Möglichkeiten an Verwaltung scheitern. Dass Eigentum politisch misstrauisch betrachtet wird. Dass Bauen ideologisch blockiert wird. Dass wirtschaftliche Dynamik zwar gefeiert, aber praktisch behindert wird. Für eine liberale Partei in Berlin ist das der Kernauftrag: Wir müssen Berlin wieder zur Chancenstadt machen.

Für die FDP, inbesondere die FDP Berlin, FDP Berlin Mitte und mein eigener Ortsverband Hackescher Markt, heißt das auch: Wir stehen im Herzen der Hauptstadt, dort, wo Politik, Wirtschaft, Kultur, Start-ups, Verwaltung, Handel und Stadtgesellschaft direkt aufeinandertreffen. Hier lässt sich jeden Tag beobachten, wie viel Potenzial dieses Land hat, und wie viel davon durch schlechte Rahmenbedingungen gebremst wird. Unser Anspruch muss sein, nicht nur über Probleme zu sprechen, sondern Lösungen zu formulieren, die Freiheit und Funktionsfähigkeit verbinden.

Eine wichtige Lehre aus den Studien lautet: Menschen lassen sich nicht dauerhaft in Vertrauen hineinreden. Vertrauen entsteht durch Erfahrung. Wenn Bürgerinnen und Bürger über Jahre erleben, dass Politik ihre wirtschaftliche Lage verschlechtert oder Probleme nicht löst, dann verliert die Demokratie an Bindekraft. Wenn sie dagegen erleben, dass Reformen wirken, dass Aufstieg möglich ist, dass der Staat funktioniert und dass Wachstum neue Spielräume schafft, dann wächst Vertrauen.

Deshalb ist es politisch zu wenig, Populismus nur moralisch zu kritisieren. Natürlich müssen Lügen, Hetze und autoritäre Versuchungen klar benannt werden. Aber wer bei der Kritik stehen bleibt, überlässt den Populisten das Feld der Problembeschreibung. Liberale Politik muss besser sein: Sie muss erklären, warum Freiheit, Marktwirtschaft und Rechtsstaat nicht abstrakte Prinzipien sind, sondern konkrete Problemlöser.

Freiheit bedeutet, dass Menschen ihr Leben selbst gestalten können. Marktwirtschaft bedeutet, dass Ideen, Leistung und Wettbewerb Wohlstand schaffen. Rechtsstaat bedeutet, dass Regeln verlässlich sind und Macht begrenzt wird. Ein handlungsfähiger Staat bedeutet nicht ein maximal großer Staat, sondern ein Staat, der seine Aufgaben ernst nimmt und sich nicht in Nebensächlichkeiten verzettelt.

Die aktuelle Polarisierung ist auch ein Urteil über die Leistungsbilanz der politischen Mitte. Wenn demokratische Parteien über Jahre versprechen, Probleme zu lösen, diese Probleme aber größer werden, dann verlieren sie Glaubwürdigkeit. Wohnungsnot, Bildungsmängel, Infrastrukturverfall, hohe Energiepreise, Bürokratie, unkontrollierte Migration, überlastete Kommunen und schwaches Wachstum sind nicht nur Sachthemen. Sie sind Vertrauensfragen.

Eine liberale Antwort muss deshalb ehrlich sein. Nicht jeder Vertrauensverlust ist irrational. Viele Bürgerinnen und Bürger haben reale Gründe, unzufrieden zu sein. Sie erleben, dass der Staat viel kostet, aber nicht immer gut funktioniert. Sie erleben, dass Leistung belastet wird, während politische Projekte oft ohne klare Prioritäten finanziert werden. Sie erleben, dass Reformen angekündigt, aber selten konsequent umgesetzt werden.

Wer diese Erfahrungen pauschal als „Wut“ oder „Populismus“ abtut, vergrößert die Distanz. Besser ist es, die berechtigten Sorgen ernst zu nehmen und zugleich klare Grenzen gegenüber falschen Lösungen zu ziehen. Ja, wirtschaftliche Unsicherheit ist real. Nein, Abschottung, Nationalismus und Institutionenverachtung lösen sie nicht. Ja, der Staat muss funktionieren. Nein, autoritäre Politik macht ihn nicht besser. Ja, Bürger wollen Kontrolle und Ordnung. Nein, Freiheit darf dafür nicht geopfert werden.

Die Studien zu Wachstumserfahrungen, wirtschaftlichen Schocks, institutionellem Vertrauen und Populismus führen zu einer klaren Schlussfolgerung: Die liberale Demokratie braucht wirtschaftliche Substanz. Sie braucht Wachstum, Aufstieg und funktionierende Institutionen. Sie braucht Bürgerinnen und Bürger, die erleben, dass dieses System nicht nur moralisch richtig, sondern praktisch leistungsfähig ist.

Eine Brandmauer ist daher der falsche Weg. Aber sie ist zu defensiv. Sie schützt vor dem Übergreifen des Feuers, löscht aber nicht die Glut. Die eigentliche Aufgabe liegt tiefer. Wir müssen die ökonomischen Ursachen politischer Entfremdung bekämpfen. Wir müssen dafür sorgen, dass Menschen wieder Vertrauen in die Zukunft haben. Dass junge Menschen in ihren prägenden Jahren nicht Stagnation, sondern Chancen erleben. Dass wirtschaftliche Unsicherheit nicht zur politischen Dauererfahrung wird. Dass der Staat sich auf seine Kernaufgaben konzentriert und diese zuverlässig erfüllt.

Für die FDP ist das ein liberaler Auftrag. Wir wollen eine Politik, die Wachstum ermöglicht, Aufstieg erleichtert, Innovation freisetzt und den Staat wieder leistungsfähig macht. Nicht, weil Wirtschaft alles ist. Sondern weil ohne wirtschaftliche Zuversicht vieles andere zerfällt: Vertrauen, Zusammenhalt, demokratische Stabilität.

Wer Populismus schwächen will, muss mehr tun, als ihn zu verurteilen. Er muss die bessere Antwort geben. Die bessere Antwort ist ein Land, das funktioniert. Eine Wirtschaft, die wächst. Ein Staat, der liefert. Eine Gesellschaft, in der Freiheit wieder als Chance erlebt wird. Genau dafür braucht es liberale Politik.