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Schön, dann diskutieren wir über Social Media, "Jugendschutz" und den Nanny-Staat

Kinder schützen ja, aber Social Media unter dem Deckmantel des „Jugendschutzes“ zu beschränken, ist keine liberale Antwort, denn Freiheit lernt man nicht durch Aussperren.

Autor: Jörn Biernoth

„Wir müssen Kinder und Jugendliche vor Social Media schützen.“ Wer wollte da widersprechen? Natürlich müssen wir Kinder schützen. Vor Gewalt. Vor Missbrauch. Vor Betrug. Vor Manipulation. Vor Menschen, die ihnen schaden wollen. Aber zwischen Schutz und Bevormundung verläuft eine Grenze. Und diese Grenze wird in Diskussionen all zu leicht überschritten.

Besonders hellhörig sollte man werden, wenn solche Forderungen nicht von den üblichen Verbotsparteien kommen, sondern aus liberalen Reihen. Denn wer Freiheit im Namen des Schutzes einschränken will, muss sich an einem höheren Maßstab messen lassen, gerade in der FDP.

Ich war vom Redebeitrag von Maren Jasper-Winter, der eigenen Vorsitzenden aus Berlin-Mitte, auf dem Bundesparteitag der FDP 2026 ehrlich überrascht. Dass eine solche Forderung ausgerechnet aus dem eigenen Verband kommt, ist schon bemerkenswert. Man hätte es fast überhören können. Eingehüllt in wohlklingende Worte wie „Freiheit im digitalen Raum“ sprach sie von einem Tätigkeitsfeld für die Partei, bei dem noch „Luft nach oben“ sei. Man müsse einmal schauen, was die Kids da sehen, was sie konsumieren und unter welchen Bedingungen das geschieht. Das klingt harmlos. Fast fürsorglich. Man müsse in der FDP ernsthaft darüber diskutieren, sagte sie. Schön. Dann tun wir das.

Dann reden wir aber bitte nicht nur über gute Absichten. Dann reden wir über Freiheit. Über Grundrechte. Über die Rolle des Staates. Über die Macht von Plattformbetreibern. Und über die Frage, wer am Ende entscheidet, was junge Menschen sehen, lesen, hören und denken dürfen. Denn genau darum geht es.

Wenn der Staat anfängt, jungen Menschen den Zugang zur digitalen Öffentlichkeit zu beschränken, Inhalte zu filtern oder Plattformen dazu zu drängen, „problematische“ Informationen zu entfernen, dann reden wir nicht mehr nur über Jugendschutz. Dann reden wir über Kontrolle. Und Kontrolle über Information ist nie harmlos.

Genau deshalb darf diese Debatte nicht bei dem Satz stehen bleiben, dass Kinder geschützt werden müssen. Das ist unstrittig. Die eigentliche Frage ist: Wie schützen wir sie, ohne ihnen zugleich den freien Zugang zur digitalen Öffentlichkeit zu nehmen?

Für Liberale ist das kein Detail. Es ist der Kern der Debatte. Denn überall dort, wo der Staat Inhalte beschränkt, Plattformen zu vorsorglichem Löschen drängt oder Zugang nur noch unter Bedingungen erlaubt, berührt er Grundrechte. Und Grundrechte behandelt man nicht wie eine technische Einstellungsfrage.

Freiheit ist kein Bonus, den der Staat verteilt, wenn er die Bürger für reif genug hält. Freiheit ist der Ausgangspunkt liberaler Politik. Sie gilt nicht erst ab 18. Sie gilt nicht nur für angepasste Meinungen. Sie gilt nicht nur für Inhalte, die Ministerien, Behörden oder Plattformbetreiber gerade für pädagogisch wertvoll halten. Wer Kindern und Jugendlichen Freiheit beibringen will, kann sie nicht zuerst aussperren.

Natürlich ist Social Media nicht harmlos. Niemand, der bei Verstand ist, behauptet das. Es gibt dort Hass, Manipulation, Suchtmechanismen, sexualisierte Gewalt, Extremismus, Mobbing und jede Menge geistigen Müll. Aber die Antwort auf eine unübersichtliche Welt kann doch nicht sein, junge Menschen von ihr fernzuhalten und ihnen eine staatlich oder kommerziell gefilterte Wirklichkeit vorzusetzen.

Die Antwort muss sein: befähigen statt verbieten. Aufklären statt abschalten. Eltern stärken statt ersetzen. Rechtsbruch verfolgen statt legale Inhalte wegmoderieren. Das ist der liberale Weg.

Wer dagegen pauschale Beschränkungen fordert, muss erklären, wie das mit den Grundwerten der FDP vereinbar sein soll. Mit Freiheit. Mit Eigenverantwortung. Mit Bürgerrechten. Mit dem Misstrauen gegenüber einem Staat, der immer genau dann besonders gefährlich wird, wenn er behauptet, nur das Beste für uns zu wollen.

Denn die entscheidende Frage lautet: Wer entscheidet? Wer legt fest, welche Inhalte Jugendliche nicht sehen dürfen? Ein Familienministerium? Eine Medienaufsicht? Eine EU-Behörde? Ein Algorithmus? Ein Konzern in Kalifornien? Eine anonyme Moderationsabteilung? Ein politisch besetztes Gremium, das sich auf „wissenschaftliche Empfehlungen“ beruft?

Und nach welchen Kriterien? „Schädlich“? „Unangemessen“? „Desinformation“? „Gefährlich“? „Nicht altersgerecht“?

Das sind keine klaren rechtsstaatlichen Kategorien. Das sind Einfallstore. Heute geht es um Pornografie und Gewalt. Morgen um politische Radikalität. Übermorgen um angeblich demokratiegefährdende Meinungen. Und irgendwann verschwindet nicht mehr nur das Strafbare, sondern auch das Unerwünschte.

Genau so beginnt Zensur selten mit dem Wort Zensur. Sie kommt als Schutz. Als Ordnung. Als Verantwortung. Als Kampf gegen Gefahren. Als moralische Pflicht. Und wer widerspricht, dem wird vorgeworfen, er nehme Kinder nicht ernst.

Doch das Gegenteil ist richtig: Wer Kindern und Jugendlichen die Freiheit nimmt, nimmt sie nicht ernst. Wer ihnen zutraut, begleitet, aufgeklärt und gestärkt mit digitalen Räumen umzugehen, der nimmt sie ernst. Wer sie dagegen hinter digitale Mauern stellt, behandelt sie wie Untertanen auf Probe.

Liberale sollten sich daran erinnern, warum Meinungs- und Informationsfreiheit so zentral sind. Sie sind nicht nur nette Rechte für gute Zeiten. Sie sind Schutzrechte gegen Macht. Gegen den Staat. Gegen Mehrheiten. Gegen Zeitgeist. Gegen moralische Panik.

Ein Blick in die Geschichte genügt. Staaten, die Informationen kontrollieren wollten, hatten fast immer einen angeblich höheren Zweck. Im Nationalsozialismus wurde Literatur verbrannt, Presse gleichgeschaltet, Kunst und Denken politisch kontrolliert. In der DDR entschied die Partei, welche Nachrichten die Bürger sehen, welche Bücher erscheinen und welche Meinungen öffentlich gesagt werden durften. Auch andere autoritäre Systeme haben immer behauptet, sie müssten die Gesellschaft vor falschen, gefährlichen oder zersetzenden Einflüssen schützen.

Natürlich leben wir heute nicht in solchen Verhältnissen. Aber wer aus der Geschichte lernen will, darf nicht erst dann wach werden, wenn die Freiheit schon verloren ist. Die Lehre lautet: Gib dem Staat niemals leichtfertig Instrumente zur Kontrolle von Information. Denn Werkzeuge, die einmal geschaffen sind, bleiben selten auf den ursprünglichen Zweck beschränkt.

Heute Jugendschutz. Morgen Demokratieschutz. Übermorgen Wahrheitsschutz. Und am Ende entscheidet irgendeine Stelle, was Bürgern zugemutet werden darf. Das ist mit liberalem Denken nicht vereinbar.

Noch gefährlicher wird es, wenn diese Macht an Plattformbetreiber ausgelagert wird. Dann löscht nicht mehr der Staat direkt. Dann schafft der Staat Druck, droht mit Strafen, formuliert unklare Pflichten, und die Plattformen löschen vorsorglich lieber zu viel als zu wenig. Das Ergebnis ist keine Freiheit. Das Ergebnis ist privatisierte Zensur. Der Bürger weiß dann nicht einmal mehr, wer eigentlich verantwortlich ist. Der Staat zeigt auf die Plattform. Die Plattform zeigt auf das Gesetz. Der Algorithmus schweigt. Und die Meinungsfreiheit verliert.

Genau dagegen müssen Liberale kämpfen. Ja, Kinder- und Jugendschutz ist wichtig. Aber er darf nicht als Rammbock gegen Grundrechte missbraucht werden. Er darf nicht zur bequemen Ausrede werden, um digitale Räume politisch zu kontrollieren. Und er darf niemals dazu führen, dass junge Menschen nur noch eine vorsortierte, weichgespülte, genehmigte Version der Wirklichkeit erleben.

Was wir brauchen, ist kein digitaler Nanny-Staat. Wir brauchen starke Elternrechte. Wir brauchen Medienbildung in Schulen, die diesen Namen verdient. Wir brauchen technische Werkzeuge, die Familien freiwillig nutzen können. Wir brauchen Transparenz bei Algorithmen. Wir brauchen klare Regeln gegen strafbare Inhalte. Wir brauchen schnelle Strafverfolgung bei Missbrauch, Bedrohung und gezielter Gewalt.

Aber wir brauchen keine pauschalen Social-Media-Verbote. Keine staatlichen Wahrheitsfilter. Keine politischen Löschfantasien. Keine Altersgrenzen, die am Ende nur mit umfassender Identitätskontrolle funktionieren. Denn auch das gehört zur Wahrheit: Wer Zugangsbeschränkungen im Netz ernsthaft durchsetzen will, landet schnell bei Ausweispflichten, Altersverifikation und digitaler Überwachung. Dann ist plötzlich nicht nur der Jugendliche betroffen, sondern jeder Bürger.

Aus Jugendschutz wird Infrastruktur zur Kontrolle. Und genau deshalb ist diese Debatte so gefährlich. Freiheit stirbt selten auf einen Schlag. Sie wird eingeschränkt, begründet, verwaltet und am Ende als Sicherheitsgewinn verkauft. Immer ein kleines Stück. Immer für einen guten Zweck. Immer angeblich alternativlos. Liberale dürfen da nicht mitmachen.

Unsere Aufgabe ist nicht, dem Staat neue Gründe zu liefern, warum er mehr kontrollieren darf. Unsere Aufgabe ist, dem Staat Grenzen zu setzen. Besonders dann, wenn die öffentliche Stimmung nach Verboten ruft. Besonders dann, wenn die Forderung populär klingt. Besonders dann, wenn man sich mit Widerspruch unbeliebt macht.

Denn Liberalismus ist nicht die Kunst, bei jeder Freiheitsbeschränkung noch einen Kompromiss zu finden. Liberalismus ist die Haltung, im Zweifel für die Freiheit zu stehen. Kinder und Jugendliche brauchen Schutz. Aber sie brauchen auch Vertrauen. Sie brauchen Begleitung, nicht Abschottung. Sie brauchen Bildung, nicht digitale Käfighaltung. Sie brauchen Eltern, Lehrer und eine Gesellschaft, die ihnen Freiheit erklärt, nicht einen Staat, der sie ihnen vorsorglich entzieht.

Wer wirklich eine freie Gesellschaft will, muss auch jungen Menschen den Weg in diese Freiheit zutrauen. Darum: Bekämpfen wir Straftaten. Bekämpfen wir Missbrauch. Bekämpfen wir manipulative Geschäftsmodelle. Aber bekämpfen wir nicht die offene digitale Öffentlichkeit selbst.

Denn der Satz „Eine Zensur findet nicht statt“ ist kein nostalgisches Zitat aus dem Grundgesetz. Er ist ein Auftrag. Er gilt nicht nur analog. Er gilt nicht nur für Erwachsene. Er gilt nicht nur, solange es bequem ist. Er gilt gerade dann, wenn die Versuchung groß ist, ihn im Namen des Guten zu relativieren. Und deshalb sollten Liberale jeder Forderung nach Social-Media-Zensur für Kinder und Jugendliche mit einem klaren Satz begegnen: Nicht mit uns.