Platzverweis für die deutschen Gesinnungsrichter
Autor: Jörn Biernoth
Die Debatte um Felix Nmecha zeigt, wie eng der Meinungskorridor geworden ist. Dabei hat ein Fußballspieler einfach nur gebetet. Er hat nicht randaliert, nicht gepöbelt, nicht den Gegner verhöhnt, nicht den Schiedsrichter bedrängt. Er hat nach einem Fußballspiel mit anderen Mit- und Gegenspielern auf dem Rasen gebetet, sich bei Jesus bedankt und seinen Glauben sichtbar gemacht. Und Deutschland diskutiert, als sei im Mittelkreis gerade das Grundgesetz außer Kraft gesetzt worden.
Die taz schreibt vom „Christusfimmel“ und ruft sinngemäß: „Platzverweis für Jesus!“ Das ist immerhin ehrlich. Denn genau darum geht es in dieser Debatte. Es geht nicht um Fußball. Nicht um Menschenrechte. Nicht einmal ernsthaft um Felix Nmecha. Es geht um die Frage, wer im öffentlichen Raum noch sichtbar sein darf, ohne vorher bei der linken Geschmackspolizei einen Antrag auf weltanschauliche Unbedenklichkeit einzureichen.
Ein Fußballer mit Regenbogenbinde? Mutig. Ein Fußballer mit politischer Botschaft gegen rechts? Haltung. Ein Fußballer mit Bibel? Verdachtsfall. Ein Fußballer, der „Thank you Jesus“ postet? Alarmstufe Fundamentalismus. So funktioniert die neue Toleranz. Alles ist erlaubt, solange es ins eigene Milieu passt.
Man muss Felix Nmechas Glauben nicht teilen. Man muss seine religiöse Sprache nicht mögen. Man darf seine früheren Posts kritisieren, man darf nachfragen, man darf widersprechen. Aber was hier abläuft, ist längst keine nüchterne Kritik mehr. Es ist ein Gesinnungsprozess. Die Anklage lautet: zu christlich, zu sichtbar, zu unangepasst, zu wenig säkular gebügelt. Und genau deshalb ist diese Debatte so aufschlussreich.
Denn die Empörung richtet sich nicht gegen einzelne Aussagen. Sie richtet sich gegen die Zumutung, dass ein deutscher Nationalspieler seinen christlichen Glauben nicht beschämt in die Kabine sperrt. Nmecha trägt keine Parteifahne, er ruft nicht zum Kulturkampf auf, er zwingt niemanden ins Gebet. Er sagt öffentlich nur, woran er glaubt. Das reicht schon, um im linken Feuilleton als wandelnde Gefahr markiert zu werden.
Wenn ein Fußballer auf den Knien genügt, um Kulturkampfreflexe auszulösen, liegt das Problem nicht bei Jesus, sondern bei der Verklemmtheit seiner Kritiker. Der entscheidende Satz in dieser Debatte lautet: Religionsfreiheit gilt nicht nur für die Religion, die einem gefällt.
Das sollte selbstverständlich sein. Ist es aber offenbar nicht. Denn genau daran scheitert ein beträchtlicher Teil der öffentlichen Reaktion. Der moderne deutsche Debattenbetrieb hat sich angewöhnt, Freiheit nach Sympathie zu sortieren. Was ins eigene Weltbild passt, wird als Ausdruck von Vielfalt gefeiert. Was stört, irritiert oder kulturell fremd wirkt, wird verdächtigt, pathologisiert oder moralisch entwertet.
Eine freie Gesellschaft bemisst ihre Offenheit nicht daran, wie großzügig sie mit den Bekenntnissen umgeht, die sie ohnehin teilt. Sie bewährt sich daran, ob sie auch die Überzeugungen aushält, die ihr fremd sind. Wer nur jene Sichtbarkeit akzeptiert, die in den eigenen Instagram-Feed passt, verteidigt nicht die offene Gesellschaft. Er kuratiert sie.
Das gilt ausdrücklich auch gegenüber Nmecha selbst. Niemand muss ihn zum Vorbild erklären. Niemand muss seine Frömmigkeit schön finden. Niemand muss den Satz übernehmen, Jesus werde durch ein Fußballspiel verherrlicht. Ein liberaler Staat verlangt von seinen Bürgern keine Zustimmung zu religiösem Pathos. Er verlangt nur, dass aus Abneigung kein Ausschluss wird. Genau diese Grenze wird gerade überschritten.
Aus einem Gebet wird ein Verdachtsmoment. Aus einem Bibelbild wird eine Anklageschrift. Aus einem Dank an Jesus wird ein politischer Gefahrenhinweis. Damit wird der Maßstab verschoben. Nicht mehr konkrete Aussagen stehen im Zentrum, sondern die religiöse Selbstbeschreibung selbst. Der Glaube wird nicht geprüft, weil er sich gegen Rechte anderer richtet. Er wird zum Problem, weil er sichtbar ist. Das ist gefährlich. Nicht, weil Felix Nmecha besonders wichtig wäre. Sondern weil an kleinen Fällen sichtbar wird, wie robust oder wie brüchig unsere Freiheitskultur ist.
Besonders deutlich wird das im Vergleich mit Antonio Rüdiger. Auch Rüdiger hat seinen Glauben öffentlich gezeigt. Auch dort wurde eine religiöse Geste politisch gedeutet, mit Verdacht überzogen und in größere Erzählungen hineingezogen. Dort hieß es völlig zu Recht: Vorsicht mit Pauschalisierungen. Keine antimuslimischen Reflexe. Keine vorschnelle Gleichsetzung von religiöser Sichtbarkeit und Extremismus. Ein muslimischer Nationalspieler darf Muslim sein, ohne dass jede Geste zum sicherheitspolitischen Lagebild erklärt wird. Richtig so. Aber dann gilt das bitte auch für einen christlichen Nationalspieler.
Wer bei Rüdiger Differenzierung verlangt, darf bei Nmecha nicht den Kübel aus Häme ausschütten. Wer einen muslimischen Spieler gegen Generalverdacht verteidigt, darf einen christlichen Spieler nicht wegen Bibel, Gebet und Jesus-Dank zum Problemfall erklären. Religionsfreiheit ist kein Sonderrecht für Gruppen, die gerade in das eigene politische Narrativ passen. Sie ist ein Grundrecht. Grundrechte gelten allgemein oder sie sind keine. Das ist der Punkt, an dem sich die Doppelmoral zeigt. Bei Rüdiger wird Sensibilität eingefordert. Bei Nmecha genügt ein Begriff wie „Christusfimmel“. Bei Rüdiger warnt man vor Ressentiment. Bei Nmecha wird Ressentiment gegen sichtbares Christentum als aufgeklärter Spott verkauft. Bei Rüdiger soll der Kontext schützen. Bei Nmecha soll der Kontext belasten. So kann man keine glaubwürdige Freiheitsordnung verteidigen.
Natürlich sind die Fälle nicht identisch. Kein religiöses Zeichen ist automatisch mit einem anderen gleichzusetzen. Jede Geste hat ihren Kontext, jede Debatte ihre Vorgeschichte, jede Person ihre öffentlichen Aussagen. Aber gerade deshalb braucht es einen klaren Maßstab. Der Maßstab darf nicht lauten: Welche Religion ist gerade politisch empfindlicher? Er muss lauten: Wird jemand abgewertet? Wird jemand ausgeschlossen? Wird Zwang ausgeübt? Werden gleiche Rechte bestritten Wenn ja, braucht es Widerspruch. Wenn nein, braucht es Gelassenheit.
Hier liegt die liberale Unterscheidung, die der Empörungsbetrieb nicht mehr treffen will. Daher noch einmal, nan darf Nmechas frühere Social-Media-Posts kritisieren. Man darf nachfragen, wie er zu Pride, Homosexualität oder trans Menschen steht. Man darf klarstellen, dass gleiche Rechte nicht verhandelbar sind. Niemand darf wegen sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität, Herkunft, Religion oder Weltanschauung herabgewürdigt werden. Das ist keine Fußnote. Das ist der Kern einer freien Gesellschaft.
Aber Kritik an konkreten Aussagen ist etwas anderes als die Abwertung religiöser Existenz. Wer sagt: Dieser Post war falsch, führt eine politische Debatte. Wer sagt: Der betende Christ ist wegen seines Glaubens ein Problem, betreibt Gesinnungsprüfung. Wer eine Aussage beanstandet, bleibt im Streit. Wer den Habitus pathologisiert, verlässt ihn.
„Christusfimmel“ ist wie die taz schreibt deshalb kein Argument. Es ist ein Etikett. Es soll nicht prüfen, sondern markieren. Es soll nicht unterscheiden, sondern herabsetzen. Es trifft nicht eine bestimmte politische Forderung, sondern eine religiöse Haltung. Es macht Bibel, Gebet und den Dank an Jesus selbst zum Verdachtsmaterial. Und genau das ist der Fehler.
Der Satz „Glaube ist Privatsache“ wird in dieser Debatte bewusst falsch gespielt. Privatsache heißt nicht, dass Glaube unsichtbar zu sein hat. Privatsache heißt, dass der Staat dir keinen Glauben vorschreibt. Privatsache heißt, dass dein Gewissen dir gehört. Es heißt nicht, dass Redaktionen, Aktivisten oder digitale Tribunale entscheiden dürfen, wann jemand zu viel glaubt, zu laut glaubt oder zu öffentlich glaubt. Wer seinen Glauben privat lebt, darf ihn öffentlich zeigen. Andernfalls wäre Religionsfreiheit nur noch eine Duldung unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Das Grundgesetz schützt nicht nur die stille, ästhetisch unauffällige, niemanden irritierende Religion. Es schützt auch die sichtbare, unbequeme und gelegentlich pathetische Religionsausübung. Es schützt den Christen mit Bibel genauso wie den Muslim beim Gebet, den Juden mit Kippa, den Atheisten mit Spott und den Bürger, der mit alledem nichts anfangen kann. Das ist kein religiöses Programm. Das ist der säkulare Rechtsstaat.
Der säkulare Rechtsstaat ist nicht religionsfeindlich. Er ist weltanschaulich neutral. Das ist ein entscheidender Unterschied. Neutralität bedeutet nicht, dass Religion aus dem öffentlichen Raum verschwindet. Neutralität bedeutet, dass der Staat keine Religion bevorzugt und keine Weltanschauung erzwingt. Der öffentliche Raum ist kein Eigentum des Staates, kein Vorhof der Kirchen und kein Redaktionsflur von taz, WELT, Süddeutscher Zeitung, Stern oder Spiegel. Er gehört den Bürgern.
Darum darf ein Fußballer dort auch glauben. Nmecha hat Jesus gedankt. Er hat keine Inquisition ausgerufen. Er hat keinen Gottesstaat gegründet. Er hat niemandem ein Glaubensbekenntnis abgepresst. Er hat nicht verlangt, dass der DFB vor jedem Spiel ein Vaterunser ansetzt. Er hat gebetet. Das kann man schräg finden. Aber es ist kein Skandal.
Daher möchte man der taz zurufen: Warum habt ihr so viel Angst vor einem knienden Fußballer? Die Bilder zeigen keinen Demagogen im Mittelkreis. Sie zeigen einen jungen Spieler, der nach einem Tor nach oben schaut, sich bedankt und anschließend mit anderen betet. Der Gebetskreis mit Jonathan Tah und Spielern aus Curaçao ist keine Machtübernahme des Christlichen Glaubens. Er ist eine religiöse Geste. Man kann sie kitschig nennen. Man kann sie amerikanisch nennen. Man kann sie evangelikal nennen. Aber aus schlechtem Geschmack folgt kein Platzverweis.
Der Fußball war nie religionsfrei. Spieler bekreuzigen sich vor Elfmetern. Brasilianer danken Gott. Argentinier tragen Marienbilder. Muslime beten. Afrikanische Spieler sprechen offen über ihren Glauben. Manche küssen den Rasen, andere den Himmel, wieder andere ihr Tattoo. In internationalen Kabinen ist Religion Alltag. Nur in Deutschland tut man plötzlich so, als sei eine Bibel im Teambus eine sicherheitspolitische Lage.
Vielleicht ist also nicht Nmechas Frömmigkeit das Problem. Vielleicht ist das Problem die deutsche Verklemmtheit gegenüber allem, was nicht ironisch gebrochen ist. Der deutsche Debattenbetrieb liebt Authentizität, solange sie professionell simuliert wird. Sobald jemand wirklich glaubt, wirklich betet, wirklich bekennt, wird es unangenehm. Dann soll Religion wieder Folklore sein. Kerzenschein, Weihnachtsmarkt, Sozialarbeit, vielleicht noch ein Kirchentag mit politisch korrekter Beschlusslage. Aber bitte keine Überzeugung im Flutlicht. Darin liegt die eigentliche Enge.
Sie nennt sich offen, sortiert aber vor. Sie nennt sich tolerant, akzeptiert aber nur das Bekannte. Sie nennt sich vielfältig, duldet aber nur die Vielfalt, die ins eigene Milieu passt. Bunt ja, aber bitte ohne Kreuz. Identität ja, aber bitte nicht christlich. Haltung ja, aber bitte nur links. Emotion ja, aber bitte nicht religiös. Das ist keine offene Gesellschaft. Das ist kuratierte Vielfalt.
Eine offene Gesellschaft braucht keine religionsfreie Öffentlichkeit. Sie braucht eine freiheitliche Öffentlichkeit. Da dürfen Christen beten, Muslime fasten, Juden Kippa tragen, Atheisten spotten. Der Deal lautet nicht, alle müssen gleich klingen. Der Deal lautet: Alle dürfen verschieden sein, solange sie die gleichen Rechte der anderen achten.
An diesem Punkt lohnt sich auch einmal der Blick auf Ulf Poschardt und die WELT. Poschardt hat den antichristlichen Reflex vieler linker Kommentatoren klar erkannt. Er sieht, dass ein Milieu, das ständig Vielfalt predigt, bei sichtbarem Christentum plötzlich erstaunlich eng wird. Diese Kritik trifft. Sie trifft sogar sehr präzise. Denn die taz-Empörung lebt von einem Widerspruch, den sie nicht auflösen kann. Sie fordert Sensibilität für Identität und verachtet zugleich eine religiöse Identität, sobald sie christlich, selbstbewusst und nicht links codiert ist.
Poschardt legt den Finger in die richtige Wunde. Aber aus liberaler Sicht darf die Antwort auf linke Gesinnungskontrolle nicht die nächste Gesinnungskontrolle mit umgekehrtem Vorzeichen sein. Ulf Poschardt macht aus Nmecha schnell mehr, als Nmecha ist. Aus einem betenden Fußballer wird dann ein Symbol gegen Wokeness, gegen den Kirchentag, gegen die angeblich entkernte Republik, gegen die linke Moralmaschine. Das ist als publizistischer Konter verständlich. Es ist zugespitzt, pointiert und in Teilen berechtigt. Aber es bleibt Kulturkampf. Nur eben von der anderen Seite.
Der liberale Punkt liegt nicht darin, Nmecha nun zum Kronzeugen des Abendlandes zu erklären. Er liegt darin, ihn nicht zum Angeklagten der säkularen Geschmackspolizei zu machen. Wir brauchen keine Umkehrung der Gesinnungsprüfung. Wir brauchen ihre Abschaffung. Der öffentliche Raum darf nicht erst von links gereinigt und dann von rechts rückerobert werden. Er muss frei bleiben. Frei für den Christen, den Muslim, den Atheisten, den Zweifelnden, den Patriotischen, den Kosmopolitischen, den Religiösen und den Religionslosen.
Ein freier Bürger darf beten. Er muss es nicht. Ein Fußballer darf die Hymne singen. Er muss kein Patriotismusdarsteller sein. Ein Spieler darf Jesus danken, Allah anrufen oder an gar nichts glauben. Er darf den Himmel küssen oder nur die drei Punkte feiern. Der DFB hat nicht die Aufgabe, daraus einen Gesinnungstest zu machen.
Das ist der Unterschied zwischen bürgerlichem Liberalismus und Kulturkampf. Bürgerlicher Liberalismus heißt nicht, jede religiöse Überzeugung gutzuheißen. Er heißt auch nicht, jede progressive Kritik als Wokismus abzutun. Bürgerlicher Liberalismus heißt, Maßstäbe festzuhalten, gerade wenn die Debatte hysterisch wird. Er sagt: Gleiche Rechte für alle. Religionsfreiheit für alle. Kritik an konkreter Abwertung. Keine Pauschalverdächtigung. Kein moralischer Platzverweis für missliebige Weltanschauungen.
Das ist weniger laut als Empörung. Aber es ist tragfähiger. Der DFB sollte sich daran orientieren. Er darf und muss klar sein, wenn Menschen herabgewürdigt werden. Homosexuelle Spieler, trans Menschen, Christen, Muslime, Juden, Atheisten und alle anderen müssen im Fußball Respekt erfahren. Ein Verband, der Vielfalt behauptet, muss sie praktisch sichern. Aber er sollte nicht anfangen, religiöse Gesten nach medialer Verträglichkeit zu sortieren. Akzeptabel, problematisch, verdächtig, sendefähig: Das wäre der Weg in eine Funktionärsreligion der korrekten Zeichen.
Der DFB ist kein Katechismusverein. Aber er ist auch keine Entchristlichungsbehörde. Seine Aufgabe ist nicht, den Glauben seiner Spieler zu bewerten. Seine Aufgabe ist, Regeln zu setzen, Fairness zu sichern und Diskriminierung zu verhindern. Wer diese Aufgaben vermischt, landet bei Symbolpolitik. Und Symbolpolitik ist meist dort am lautesten, wo Sachlichkeit fehlt.
Auch die Medien sollten abrüsten. Sie dürfen kritisch sein. Sie dürfen hart sein. Sie dürfen nachfragen. Sie dürfen auch spotten. Aber sie sollten wenigstens unterscheiden, ob sie eine konkrete Aussage prüfen oder einen Menschen wegen seines Glaubens lächerlich machen. Wer „Christusfimmel“ schreibt, will nicht verstehen. Er will brandmarken. Damit ist niemandem geholfen.
Nicht den queeren Menschen, deren Rechte Schutz verdienen. Nicht den religiösen Menschen, die ihren Glauben frei leben wollen. Nicht dem Fußball, der zum Schauplatz weltanschaulicher Stellvertreterkriege gemacht wird. Und auch nicht der politischen Kultur, die immer giftiger wird, weil jeder Vorgang sofort zum Lagerzeichen erklärt wird.
Das Land hat größere Probleme als einen Nationalspieler, der Jesus dankt. Wir haben eine schwache Wirtschaft, marode Infrastruktur, Bildungsversagen, überforderte Verwaltungen, Wohnungsnot, Integrationskonflikte, hohe Energiekosten und ein politisches Klima, in dem Maßlosigkeit oft für Haltung gehalten wird. Trotzdem schafft es ein Fußballer mit Bibel zuverlässig, die Kommentarspalten in Brand zu setzen. Das sagt viel über unsere Prioritäten.
Vielleicht wäre es heilsam, eine einfache Unterscheidung wieder ernst zu nehmen. Nicht jedes Kreuz ist ein Kreuzzug. Nicht jeder Bibelpost ist ein Angriff auf die offene Gesellschaft. Nicht jeder betende Fußballer ist ein Predigerstaat im Trikot. Nicht jede religiöse Überzeugung ist Hass. Und nicht jede muslimische Geste ist Extremismus. Wer das bei Rüdiger versteht, muss es bei Nmecha auch verstehen.
Der faire Maßstab ist, dass der Glaube von Fußballern Privatsache ist und uns nicht zu interessieren hat, solange daraus keine Abwertung anderer Menschen, kein Zwang und keine politische Bevormundung wird. Entscheidend ist nicht, woran jemand glaubt. Entscheidend ist, ob er die Rechte anderer achtet. Der Rest ist keine Staatsaffäre.
Genau darin besteht die liberale Zumutung. Wir verteidigen Freiheit nicht selektiv. Nicht nur für die Sympathischen, nicht nur für die Modernen, nicht nur für die, deren Zeichen uns gefallen. Wir verteidigen sie auch für Menschen, deren Weltbild uns fremd ist, deren Sprache uns irritiert, deren Gesten wir nicht teilen. Das ist keine Nachgiebigkeit. Es ist die Voraussetzung dafür, glaubwürdig widersprechen zu können. Denn wer Religionsfreiheit nur für die eigene Seite fordert, fordert keine Freiheit. Er fordert Privilegien. Wer Toleranz nur gegenüber dem Vertrauten übt, übt keine Toleranz. Er pflegt seinen eigenen Geschmack. Und wer Vielfalt nur dann akzeptiert, wenn sie in das eigene politische Raster passt, hat den Begriff Vielfalt nicht verstanden.
Felix Nmecha muss keine Ikone sein. Antonio Rüdiger muss kein Symbol sein. Ulf Poschardt muss nicht zum Schiedsrichter der Republik werden. Die taz muss nicht über den Glauben eines Spielers spotten. Wir müssen aufhören, aus jedem religiösen Zeichen ein Tribunal zu machen. Nmecha darf beten. Rüdiger darf glauben.
Daher gehört der eigentliche Platzverweis nicht Jesus. Er gehört der Hysterie. Er gehört der reflexhaften Verdächtigung. Er gehört der linken Empörungsroutine, die sich tolerant nennt, aber bei christlicher Sichtbarkeit die Rollläden herunterlässt. Und er gehört jeder Gegenempörung, die aus berechtigtem Widerspruch gleich wieder ein eigenes Pflichtbekenntnis machen will.
Eine freie Gesellschaft braucht keine Glaubenspolizei. Nicht von links. Nicht von rechts. Nicht im Feuilleton. Nicht beim DFB. Nicht auf dem Fußballplatz. Wer „Platzverweis für Jesus“ ruft, meint am Ende mehr als einen Fußballer. Er meint: Raus mit allem, was nicht in unser Weltbild passt. Das ist kein Fortschritt. Das ist ein neuer Kulturkampf von oben. Und wer das nicht aushält, hat kein Problem mit Religion im Fußball. Er hat ein Problem mit Freiheit.