One in, two out: Wie wir den Berliner Bürokratie-Wahnsinn stoppen
Autor: Jörn Biernoth
Wer in Berlin ein Unternehmen gründet, kämpft im ersten Jahr oft nicht zuerst gegen die Konkurrenz. Er kämpft gegen Zuständigkeiten, Formulare, Fristen, Nachweispflichten und eine Verwaltung, die noch immer zu häufig so arbeitet, als sei Zeit eine unerschöpfliche Ressource.
Dabei beginnt Unternehmertum meist mit einer einfachen Idee: ein Handwerksbetrieb, ein Café, ein digitales Produkt, eine Beratungsfirma, ein Laden im Kiez oder ein Start-up mit einer neuen Technologie. Menschen nehmen Risiko auf sich, investieren eigenes Geld, verzichten auf Sicherheit und arbeiten oft monatelang weit über das hinaus, was in einem normalen Angestelltenverhältnis erwartet würde. Sie schaffen Arbeitsplätze, zahlen Steuern, bilden aus und sorgen dafür, dass eine Stadt lebendig bleibt.
Doch bevor der erste Kunde gewonnen, das erste Produkt verkauft oder der erste Mitarbeiter eingestellt ist, beginnt häufig eine andere Art von Arbeit. Gewerbeanmeldung, steuerliche Erfassung, Berufsgenossenschaft, Versicherungen, Meldepflichten, Datenschutzunterlagen, Dokumentationsvorgaben, Genehmigungen, Nachweise und Rückfragen. Jede einzelne Vorschrift lässt sich für sich betrachtet meist erklären. Jede Behörde kann begründen, warum sie bestimmte Angaben benötigt. Aber genau darin liegt das Problem: Der Staat betrachtet seine Regeln fast immer einzeln. Unternehmer erleben sie in ihrer Gesamtheit. Und diese Gesamtheit ist lähmend.
Die politische Debatte über Bürokratie bleibt oft abstrakt. Dann ist von „Verwaltungsvereinfachung“, „Digitalisierungsoffensiven“ oder „Entlastungspaketen“ die Rede. Das klingt gut, ändert aber wenig, wenn der Alltag eines Gründers weiterhin darin besteht, dieselben Angaben mehrfach an verschiedene Stellen zu übermitteln, auf postalische Schreiben zu warten oder für einfache Vorgänge persönliche Termine vereinbaren zu müssen.
Ein funktionierender Staat darf Regeln setzen. Er muss Sicherheit gewährleisten, Steuern erheben und Arbeitnehmer schützen. Aber ein funktionierender Staat erkennt auch, wann Regeln ihren Zweck verlieren und nur noch sich selbst verwalten. Bürokratie ist kein Zeichen von Ordnung, wenn sie Innovation verhindert. Sie ist kein Ausdruck von Gerechtigkeit, wenn sie vor allem jene belastet, die keine eigene Rechtsabteilung und keine Heerschar von Beratern beschäftigen können.
Große Konzerne können mit komplizierten Verfahren umgehen. Sie haben Personalabteilungen, Compliance-Teams und externe Kanzleien. Für sie ist Bürokratie ärgerlich, aber beherrschbar. Für den kleinen Handwerksbetrieb, die Solo-Selbstständige, den Gastronom, das junge Start-up oder den Familienunternehmer ist sie dagegen ein echter Wettbewerbsnachteil. Wer seine Abende damit verbringt, Formulare zu sortieren, Fristen zu prüfen und Nachweise zusammenzustellen, kann in dieser Zeit keine Kunden gewinnen, keine Mitarbeiter schulen und kein neues Angebot entwickeln.
Das trifft Berlin besonders. Unsere Stadt lebt von Menschen, die etwas ausprobieren wollen. Von Gründern, Kreativen, Handwerkern, Selbstständigen und kleinen Unternehmen, die nicht auf einen perfekten Moment warten, sondern Verantwortung übernehmen. Berlin sollte für diese Menschen ein Ort der Chancen sein. Stattdessen erleben viele von ihnen eine Verwaltung, die zu langsam, zu kompliziert und zu wenig auf die Realität moderner Arbeit ausgerichtet ist.
Natürlich ist nicht jede Bürokratie überflüssig. Aber die Beweislast darf nicht immer bei denen liegen, die etwas aufbauen wollen. Der Staat muss sich selbst die Frage stellen: Brauchen wir diese Regel wirklich? Ist sie verständlich? Ist sie digital erreichbar? Wird dieselbe Information bereits an anderer Stelle erhoben? Kann ein Verfahren automatisiert werden? Und vor allem: Was kostet diese Vorgabe denjenigen, der sie erfüllen muss?
Genau deshalb braucht Deutschland endlich ein konsequentes Prinzip nach dem Motto: „One in, two out“. Für jede neue Regel müssen zwei alte Vorschriften gestrichen werden. Nicht als unverbindliche Absichtserklärung und nicht als freundliche Bitte an Ministerien, sondern als klare politische Vorgabe. Wer neue Belastungen schafft, muss an anderer Stelle nachweislich entlasten.
Dieses Prinzip würde die politische Kultur verändern. Heute ist es für Ministerien vergleichsweise leicht, neue Berichtspflichten, Dokumentationen oder Prüfverfahren einzuführen. Die Folgen tragen andere: Unternehmer, Arbeitnehmer, Vereine, Selbstständige und Bürger. Mit einer verbindlichen Regel zur Entlastung müsste jede neue Vorschrift gegen bestehende Bürokratie abgewogen werden. Dann würde endlich wieder sichtbar, dass jede Regel auch Kosten verursacht. Nicht nur im Haushalt, sondern im Alltag.
Daneben braucht es ein echtes Bürokratieentlastungsgesetz, das seinen Namen verdient. Nicht ein weiteres Papier voller Ankündigungen, sondern konkrete Veränderungen, die Gründer und Mittelständler im Alltag spüren. Verfahren müssen vollständig digital möglich sein. Daten, die dem Staat bereits vorliegen, dürfen nicht immer wieder neu abgefragt werden. Zuständigkeiten müssen klar sein. Fristen müssen verbindlich und kurz sein. Und wo Behörden nicht rechtzeitig entscheiden, darf der Bürger nicht dauerhaft in Unsicherheit bleiben.
Es kann nicht sein, dass Unternehmer in einer modernen Hauptstadt auf Rückmeldungen warten müssen, ohne zu wissen, ob eine Genehmigung in zwei Wochen, zwei Monaten oder einem halben Jahr vorliegt. Planungssicherheit ist kein Luxus. Sie ist eine Voraussetzung für Investitionen. Wer ein Geschäft eröffnet, Mitarbeiter einstellen oder neue Räume anmieten will, muss wissen, woran er ist. Unklare Verfahren und lange Bearbeitungszeiten sind wirtschaftspolitische Bremsklötze.
Digitalisierung allein wird das Problem allerdings nicht lösen. Ein schlechtes Verfahren bleibt schlecht, auch wenn es als PDF-Datei statt auf Papier existiert. Wer Digitalisierung ernst meint, muss Abläufe neu denken. Eine Online-Maske, die dieselben überflüssigen Fragen stellt wie ein alter Vordruck, ist keine Modernisierung. Es braucht weniger Schritte, weniger Schnittstellen, weniger Mehrfachzuständigkeiten und weniger Möglichkeiten, Verantwortung von einer Stelle zur nächsten zu schieben.
Deutschland diskutiert seit Jahren über fehlende Innovationskraft, Fachkräftemangel und Standortattraktivität. Gleichzeitig verbringen Gründer und Mittelständler unzählige Stunden mit Formularen statt mit Produkten, Kunden und Mitarbeitern. Das ist kein Naturgesetz. Es ist das Ergebnis politischer Entscheidungen. Und was politisch geschaffen wurde, kann auch politisch verändert werden.
Wer wirtschaftliches Wachstum will, muss nicht immer neue Förderprogramme erfinden. Wer Gründungen erleichtern will, muss nicht zuerst neue Beratungsstellen schaffen. Wer den Mittelstand stärken will, muss nicht jede Woche einen neuen Gipfel veranstalten. Häufig reicht es, den Menschen aus dem Weg zu gehen, die bereits bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Ein Unternehmer braucht keine staatliche Bevormundung, wenn er eigentlich eine schnelle Genehmigung braucht. Ein Handwerker braucht keine Broschüre über Fachkräftesicherung, wenn er Monate auf einen Bescheid warten muss. Eine Gründerin braucht keine neue Kampagne zur Innovationsförderung, wenn sie ihre Energie in Dokumentationspflichten statt in ihre Idee investieren soll.
Bürokratieabbau ist deshalb kein Randthema für Fachpolitiker und Verwaltungsexperten. Er entscheidet darüber, ob sich Menschen in Deutschland noch trauen, etwas Eigenes aufzubauen. Er entscheidet darüber, ob Investitionen hier stattfinden oder anderswo. Und er entscheidet darüber, ob Berlin eine Stadt bleibt, in der aus Ideen Unternehmen werden können.
Unternehmerischer Mut braucht keine Sonderbehandlung. Aber er braucht eine faire Chance. Der Staat sollte nicht der erste Gegner sein, den Gründer besiegen müssen.