Mit dem Leben bezahlt
Autor: Karl-Heinz Paqué
„Das Attentat muss erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz ihres Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“
Henning von Tresckow an Stauffenberg, Juli 1944
Am 20 Juli 1944 verübte Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Führerhauptquartier ein Attentat auf Hitler. Es war der Startschuss für einen Staatsstreich, der nach Hitlers Tod als Operation Walküre ablaufen sollte. Das Attentat scheiterte, Hitler überlebte, Stauffenberg wurde zusammen mit den drei Mitverschwörern Werner von Haeften, Albrecht Mertz von Quirnheim und Friedrich Olbricht noch in der Nacht im Hof des Bendlerblocks in Berlin erschossen. In den Wochen danach folgten nach Schauprozessen die Hinrichtungen einer großen Zahl von Mitverschwörern. Henning von Tresckow, einer der führenden Köpfe des militärischen Widerstands, erschoss sich selbst am 21. Juli 1944 an der Ostfront bei Bialystok, um nicht nach einer Verhaftung unter Folter Namen von Mitverschwörern preiszugeben.
Tresckows Bemerkung an Stauffenberg macht eines deutlich: Die Verschwörer – allen voran Tresckow selbst – waren im Innersten skeptisch, dass es klappen würde. Aber sie waren der moralischen Überzeugung, dass trotzdem gehandelt werden müsse, um der Ehre Deutschlands wegen. Es ist eine noble Haltung, die bereit ist, das eigene Leben zu opfern, um ein ethisches Zeichen zu setzen. Man kann sich vor dieser Haltung nur respektvoll verneigen.
82 Jahre nach den Ereignissen ist in Deutschland diese respektvolle Verneigung zur Selbstverständlichkeit geworden – in der Politik, in der Bundeswehr und in der breiten Öffentlichkeit. Zwar gibt es immer wieder Einzelstimmen, die dies in Frage stellen oder wie jüngst der Kabarettist Uwe Steimle überaus geschmacklose Bemerkungen zur Sache machen. Man muss diesen Ausfällen scharf widersprechen, aber ansonsten wohl mit ihnen leben, auch wenn sie vor allem für die Nachfahren wie Karl Graf Stauffenberg, stellvertretender Vorsitzender der FDP Bayern, unerträglich sind. Jedenfalls ändern sie nichts an dem heute weit verbreiteten Respekt vor dem militärischen Widerstand.
Das war nicht immer so. In der frühen Nachkriegszeit wurde den Verschwörern zum Teil Verrat am Vaterland vorgeworfen. Und erst der erste Bundespräsident Theodor Heuss, selbst in der Nazizeit als Liberaler am Rand des Widerstands tätig, setzte 1954 einen neuen Markstein der Erinnerungskultur, zehn Jahre nach dem 20. Juli 1944. Später wurde den Militärs im Widerstand ihre frühe Ferne zur Demokratie und zum Teil auch frühe Nazi-Sympathien vorgeworfen; dann traf die Kritik die angeblich dilettantische Planung des Attentats; dann wiederum ihre elitär-reaktionären politischen Pläne für Deutschlands Zukunft.
All diese Vorwürfe gehen völlig am Kern der Sache vorbei, auch wenn sie zum kleineren Teil so manche berechtigte Beobachtung enthalten. Denn der Kern der Sache ist ethisch viel einfacher: Hier waren Menschen bereit, ihr Leben für ihr Land zu opfern – und manche wie Tresckow haben geahnt, dass sie damit im Kampf gegen den totalitären Diktator scheitern würden. Aber sie haben es trotzdem gewagt. Sie handelten als Helden, ohne Rücksicht auf ihr Leben. Sie sind und bleiben Vorbilder an Haltung und Mut. Daran wird sich niemals etwas ändern.