Meinungsfreiheit vs. Strafverfolgung und der liberale Anspruch
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Autor: Jörn Biernoth
Westerwelle würde sich im Grabe umdrehen. Nicht, weil in Deutschland plötzlich keine Meinungsfreiheit mehr existierte. Sondern weil ausgerechnet im liberalen Umfeld immer öfter so gesprochen und gehandelt wird, als sei Freiheit vor allem ein Risiko, das man administrativ einhegen müsse.
Für Liberale müsste eigentlich glasklar sein, worum es bei der Meinungsfreiheit geht. Sie ist kein Schönwettergrundrecht. Sie ist nicht dazu da, freundliche, angepasste und staatlich unproblematische Ansichten zu schützen. Sie ist genau für das Gegenteil geschaffen worden: für Zumutungen, für Übertreibungen, für Provokationen, für Meinungen, die stören. Wer das nicht aushält, ist vielleicht ordnungspolitisch interessiert, aber sicher nicht liberal.
Natürlich endet Meinungsfreiheit dort, wo Straftaten beginnen. Niemand muss Volksverhetzung, Gewaltaufrufe oder gezielte Bedrohungen schönreden. Der Rechtsstaat hat die Aufgabe, solche Grenzen durchzusetzen. Aber genau deshalb muss er sauber arbeiten, zurückhaltend sein und strikt zwischen strafbaren Handlungen und bloß unerwünschten Äußerungen unterscheiden. Denn sobald aus Strafverfolgung eine politische Kulturtechnik wird, gerät etwas Grundsätzliches ins Rutschen.
Genau hier beginnt das Problem. In Teilen der FDP und ihres weiteren Umfelds ist ein Ton entstanden, der Freiheit nicht mehr zuerst verteidigt, sondern zuerst misstraut. Franziska Brandmann und Alexander Brockmeier steht dafür in besonders auffälliger Weise. Wer ein KI-gestütztes Geschäftsmodell aufbaut, das Hassnachrichten im Netz aufspürt und massenhaft zur Anzeige bringt, bewegt sich eben nicht mehr nur im Raum staatsbürgerlicher Verantwortung. Dort entsteht eine neue Logik: Äußerungen werden nicht mehr nur rechtlich bewertet, sondern systematisch erfasst, skaliert, bearbeitet und in Strafanträge übersetzt. Wenn daraus monatlich Hunderte oder gar Tausende Verfahren werden, dann ist das mehr als Rechtsdurchsetzung. Es ist die Industrialisierung der Anzeige.
Das mag legal sein. Aber die entscheidende Frage lautet nicht nur, ob etwas erlaubt ist. Die entscheidende Frage lautet, ob ein liberaler Rechtsstaat ein Interesse daran haben sollte, dass die Grenze zwischen zivilgesellschaftlicher Wachsamkeit, politischer Haltung und ökonomischem Anreiz so verschwimmt. Denn genau dort beginnt das Unbehagen. Wo das Anzeigen selbst zum politischen Signal und womöglich zum Geschäftsmodell wird, verändert sich das Klima. Der Bürger spürt nicht mehr nur die Grenze des Strafrechts. Er spürt vor allem die Drohkulisse einer politisch aufgeladenen Beobachtungskultur.
Noch irritierender ist, dass ausgerechnet liberale Politikerinnen diesen Kurs nicht kritisch begleiten, sondern rhetorisch absichern. Marie-Agnes Strack-Zimmermann steht wie kaum eine andere für einen Politikstil, der Härte demonstriert und dabei gern den Eindruck vermittelt, die entscheidende Antwort auf Entgleisungen im öffentlichen Raum sei vor allem ein schärferes Vorgehen. Das Problem ist nicht, dass sie klare Worte findet. Das Problem ist, dass diese Klarheit oft in die falsche Richtung zielt. Wer ständig nach Konsequenzen ruft, aber zu selten über die kulturellen Voraussetzungen von Freiheit spricht, verengt den liberalen Horizont auf Ordnungsrhetorik.
Gerade in einer liberalen Partei müsste man begreifen, dass der Rechtsstaat nicht dafür da ist, den Diskurs zu disziplinieren. Er soll Freiheit sichern, nicht Debatten pädagogisch säubern. Wer den Eindruck erweckt, die offene Gesellschaft werde vor allem dadurch gerettet, dass immer schneller, systematischer und öffentlicher angezeigt wird, verwechselt Liberalismus mit digitalem Ordnungseifer.
Dazu kommt ein tieferer Irrtum. Eine freie Gesellschaft wird nicht dadurch stark, dass sie jede Grenzüberschreitung sofort mit maximalem Nachdruck beantwortet. Sie wird stark, wenn sie zwischen dem Abscheulichen und dem Strafbaren unterscheiden kann. Sie wird stark, wenn sie Bürgern zutraut, Unsinn zu widersprechen, Geschmacklosigkeit auszuhalten und politische Dummheit argumentativ zu bekämpfen, statt sofort nach Staatsanwalt, Plattformlöschung oder Verfahrenswelle zu rufen.
Denn am Ende entsteht sonst ein verhängnisvoller Gewöhnungseffekt. Nicht mehr die Ausnahme wird verfolgt, sondern die Verfolgung wird zur Normalität. Nicht mehr das klare Unrecht steht im Mittelpunkt, sondern die systematische Durchleuchtung des Sagbaren. Wer so Politik macht, verschiebt das Koordinatensystem. Und er darf sich nicht wundern, wenn Bürger irgendwann nicht mehr wissen, ob sie in einer streitbaren Demokratie oder in einer moralisch überdrehten Kontrollkultur leben.
Für die FDP ist das besonders heikel. Eine Partei, die sich Freiheit auf die Fahnen schreibt, darf nicht den Eindruck erwecken, sie stehe an der Spitze einer Entwicklung, in der Bürger vor allem lernen sollen, was sie besser nicht mehr sagen. Sie müsste das Gegengewicht sein. Sie müsste sagen: Ja, der Rechtsstaat greift ein, wo er eingreifen muss. Aber nein, wir machen aus Strafverfolgung kein politisches Milieu, kein Geschäftsmodell und kein Ersatzprogramm für fehlende Debattenkultur.
Genau das wäre die liberale Aufgabe. Nicht alles gutzuheißen. Nicht jede Grenzüberschreitung zu relativieren. Sondern die offene Gesellschaft gegen ihre Feinde zu verteidigen, ohne dabei ihre eigenen Grundlagen zu beschädigen. Freiheit lebt nicht davon, dass sie sich permanent selbst verdächtigt. Sie lebt davon, dass man ihr etwas zutraut.
Vielleicht ist genau das heute der eigentliche Test für Liberale: ob sie noch bereit sind, Freiheit auszuhalten, auch wenn sie rau, unerquicklich und peinlich wird. Oder ob sie längst in jenem Denken angekommen sind, in dem jede Zumutung sofort nach Erfassung, Meldung und Sanktion ruft.
Eine liberale Partei, die darauf keine klare Antwort mehr hat, verliert mehr als nur ihr Profil. Sie verliert ihre Existenzberechtigung.