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Er ist wieder da! – Mit Palästinensertuch und scheinbar unangreifbaren moralischen Positionen

Antisemitismus in Deutschland zeigt sich heute vielschichtig: Er kommt nicht nur von rechts, sondern auch aus Milieus, die sich selbst als moralisch überlegen verstehen.

OpenArt/ Biernoth

Autor: Jörn Biernoth

Es beginnt nicht mit Springerstiefeln. Es beginnt mit Worten. Mit Hashtags, mit Parolen, mit beschmierten Häuserwänden, mit scheinbar unangreifbaren moralischen Positionen. Und dann steht plötzlich eine beunruhigende Frage im Raum: Warum fühlt sich jüdische Mitbürger eigentlich in Deutschland wieder unsicher?

Wer heute durch die Sonnenallee in Berlin geht und eine Kippa trägt, muss um seine körperliche Unversehrtheit fürchten. Das ist nicht einach nur ein Gefühl, das ist vielfach dokumentierte Realität. Berichte von Betroffenen, jüdischen Organisationen und Sicherheitsbehörden zeigen, dass Antisemitismus kein Randphänomen mehr ist.

Antisemitismus kommt von rechts, ohne Zweifel. Aber er kommt eben nicht nur von dort. Genau hier beginnt die unbequeme Debatte, der sich Deutschland zu lange entzogen hat.

In Teilen des linken und aktivistischen Milieus hat sich ein Narrativ etabliert, das sich moralisch überlegen gibt und genau deshalb blind wird für eigene Abgründe. Hier wird nicht offen gegen „die Juden“ gehetzt. Stattdessen spricht man von „Zionisten“, von „Kolonialismus“ und von „Unterdrückungsstrukturen“. Das klingt reflektiert, aufgeklärt und akademisch. Doch die Grenze ist fließend und wird erschreckend oft überschritten. Wenn Israel nicht nur kritisiert, sondern grundsätzlich delegitimiert wird, wenn jüdische Symbole mit politischer Gewalt gleichgesetzt werden oder wenn alte antisemitische Stereotype in neuem Vokabular wiederkehren, dann ist das kein legitimer Diskurs mehr. Dann ist es Antisemitismus in neuem Gewand.

Besonders sichtbar wird diese Entwicklung auch am Symbol des sogenannten Palästinensertuchs, der Kufiya. Ursprünglich ein traditionelles Kleidungsstück mit regionaler und kultureller Bedeutung, ist es in vielen westlichen Kontexten zu einem politisch aufgeladenen Zeichen geworden. Auf Demonstrationen, in sozialen Medien oder im urbanen Alltag fungiert es häufig als Marker einer bestimmten Haltung, die sich nicht selten über eine klare Frontstellung definiert. In dieser Bedeutungsverschiebung liegt eine zentrale Problematik. Wenn das Tuch zum Ausdruck eines Weltbildes wird, in dem Israel nicht nur kritisiert, sondern in vereinfachender Weise als moralisch illegitim dargestellt wird, verliert es seine Unschuld als kulturelles Symbol.

Es wird Teil einer visuellen Sprache, die Zugehörigkeit signalisiert und zugleich Abgrenzung erzeugt. Für viele Juden ist es daher in bestimmten Kontexten kein neutrales Accessoire mehr, sondern ein Zeichen, das mit Erfahrungen von Ablehnung und Bedrohung verknüpft ist. Gerade in Milieus, die sich selbst als besonders reflektiert und moralisch positioniert begreifen, wird diese Wirkung jedoch häufig nicht ausreichend mitgedacht. Stattdessen dominiert die Annahme, die eigene Intention sei per se legitimierend, wodurch die tatsächliche Wahrnehmung auf der anderen Seite aus dem Blick gerät.

Die große Selbsttäuschung liegt darin, dass sich viele in diesen Milieus als per Definition antirassistisch verstehen und deshalb glauben, selbst immun gegen Judenhass zu sein. Doch Ideologie schützt nicht vor Vorurteilen. Im Gegenteil kann sie diese überdecken und damit schwerer erkennbar machen. Wer sich moralisch auf der „richtigen Seite“ wähnt, prüft sich selbst oft am wenigsten.

Noch unbequemer wird es beim Blick auf Teile des migrantischen Milieus. Auch hier gilt, Differenzierung ist notwendig, allgemeine Pauschalisierung wäre falsch. Aber Verdrängung hilft niemandem. Antisemitische Einstellungen sind in manchen Herkunftsregionen historisch, politisch und medial tief verankert.

Sie verschwinden nicht automatisch mit der Ankunft in Deutschland. Sie werden mitgebracht, weitergegeben und teilweise verstärkt, etwa durch Konflikte im Nahen Osten, durch soziale Medien oder durch isolierte Informationsräume.

Wenn auf deutschen Straßen Parolen gerufen werden, die zur Vernichtung Israels aufrufen, wenn jüdische Schüler auf Schulhöfen angegriffen werden oder wenn Juden im Alltag gezielt gemieden und bedroht werden, dann hat das nicht nur mit „Israelischer Außenpolitik“ zu tun. Dann sprechen wir über ein ernstes Integrations und Werteproblem. Und nein, es ist kein Rassismus, das zu benennen. Es ist Voraussetzung dafür, es überhaupt lösen zu können.

Besonders problematisch wird es dort, wo sich diese beiden Milieus überschneiden. Wo Teile der aktivistischen Linken jede Kritik an antisemitischen Tendenzen reflexhaft als islamfeindlich abwehren und damit genau jene schützen, die antisemitische Ressentiments offen äußern. Wo eine Art stillschweigende Allianz entsteht, aus ideologischer Blindheit auf der einen und tradierten Feindbildern auf der anderen Seite. Das Ergebnis ist eine gefährliche Schnittmenge, in der Antisemitismus relativiert, umgedeutet oder schlicht ignoriert wird.

Gleichzeitig zeigt sich eine bemerkenswerte Selektivität in der öffentlichen Wahrnehmung. Deutschland reagiert zu Recht sensibel auf rechtsextremen Antisemitismus. Doch diese Sensibilität fehlt oft, wenn die gleichen Denkmuster aus anderen politischen oder kulturellen Kontexten kommen. Während man bei rechten Tätern sofort von Ideologie spricht, ist bei anderen plötzlich von Kontext, Emotion oder Frustration die Rede. Diese Doppelstandards sind nicht nur inkonsequent, sie untergraben auch die Glaubwürdigkeit jeder ernst gemeinten Bekämpfung von Antisemitismus.

Für Juden in Deutschland ist all das keine theoretische Debatte. Es ist Alltag. Es geht um die Frage, ob man religiöse Symbole sichtbar tragen kann. Ob man seine Identität offen zeigt oder lieber verbirgt. Ob bestimmte Straßen, Viertel oder Situationen gemieden werden müssen. Wenn solche Fragen wieder Teil jüdischer Lebensrealität sind, dann ist etwas grundlegend aus dem Gleichgewicht geraten.

Der Satz: „Er ist wieder da!“ ist keine historische Gleichsetzung, sondern eine Warnung. Antisemitismus kehrt nicht als exakte Kopie zurück. Er passt sich an, verändert seine Sprache und sucht sich neue Träger. Mal tritt er laut und aggressiv auf, mal leise und intellektuell. Mal kommt er von rechts außen, mal aus der Mitte, mal aus linken Milieus, die sich selbst als besonders aufgeklärt verstehen. Doch sein Kern bleibt derselbe.

Die Antwort darauf darf nicht selektiv sein. Antisemitismus muss benannt werden, unabhängig davon, wer ihn äußert. Politische Lager dürfen kein Schutzraum für Hass sein, und erfolgreiche Integration bedeutet auch, grundlegende Werte zu teilen; dazu gehört der Schutz jüdischen Lebens ohne jede Einschränkung. Moralische Glaubwürdigkeit beginnt genau dort, wo man bereit ist, die eigenen Reihen kritisch zu hinterfragen.

Am Ende bleibt eine unbequeme Wahrheit. Deutschland hat ein Antisemitismusproblem. Nicht nur am Rand, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft, in unterschiedlichen Milieus und aus unterschiedlichen Gründen. Wer das nur teilweise sehen will, wird es nie vollständig verstehen. Und wer glaubt, automatisch auf der richtigen Seite zu stehen, sollte besonders genau hinsehen. Denn genau dort entstehen oft die gefährlichsten blinden Flecken.