Die Schande des Sozialismus
Autor: Karl-Heinz Paqué
Mehr als 100 Menschen ließen bei Fluchtversuchen an der Berliner Mauer (1961-89) ihr Leben. Sie suchten nichts anderes als die Freiheit. Sie wollten nicht in einer Welt leben, in der die Regierung bestimmt, wie ihr Leben zu verlaufen hat. Sie wollten nicht weiter Opfer eines gesellschaftlichen Experiments sein, in dem die Träume und Wünsche des Einzelnen nichts zählten, die Ziele eines Politbüros aber alles. Sie wollten natürlich auch an dem materiellen Überfluss teilhaben, den die Marktwirtschaft im Westen ermöglichte, wenn man in seinem Beruf engagiert und fleißig arbeitet. Warum nicht? Sie wollten eben alles, was ein normaler Mensch mit seinem normalen Leben in einem normalen Land so sucht. Zu gerne hätten sie aus der DDR ein solches „normales“ Land gemacht – ein Land wie im Westen. Aber die Regierung ließ das nicht zu. Deshalb wollten sie weg. Mutig stimmten sie mit den Füßen ab. Dafür mussten sie sterben.
Was für ein grausames System! Es sperrte die Menschen ein, damit sie sich einem politischen Großversuch nicht entziehen, zu dem sie als nationale Versuchskaninchen gebraucht wurden. Eigentlich sollte man erwarten, dass nach dem kläglichen Scheitern dieses Versuchs sich alle für immer einig sind, dass diese Mauer eine Schande des Sozialismus war und bleibt – und zwar nicht nur wegen der Todesopfer durch einen ungeheuer brutalen Schießbefehl, sondern wegen des totalitären Anspruchs der Machthaber, die Menschen nicht aus dem Großversuch zu entlassen.
Aber weit gefehlt! Es gibt immer noch Historiker, Intellektuelle und Politiker, die nichts anderes zu tun haben, als den Mauerbau mit der politischen Vernunft der damaligen Machthaber zu rechtfertigen. Der Gedankengang: Ohne Mauer wäre die DDR „ausgeblutet“ – Ärzte und Krankenschwestern, Ingenieure und Lehrer, Facharbeiter der Industrie und des Handwerks, alle hätten „rüber gemacht“ und die DDR wäre am Mangel an qualifizierten Beschäftigten untergegangen. In der Tat: Genau so wäre es gekommen. Ein Gemeinwesen, aus dem alle flüchten, kann auf die Dauer nicht fortbestehen. Aber was soll`s? Wer sagt denn, dass jedes Gemeinwesen ein „Recht auf Existenz“ hat – auch wenn die Menschen, die dort wohnen, ihre Wünsche vom normalen Leben irgendwo anders besser umsetzen können? Was außer ihre verächtliche Ideologie hinderte denn die Machthaber, im Osten Deutschlands und Berlins die Demokratie, den Rechtsstaat sowie die Marktwirtschaft einzuführen und damit genau so attraktiv für die Menschen zu werden wie der Westen?
Natürlich werden auf diese rhetorische Frage viele Vertreter des linken politischen Spektrums und neuerdings auch der AfD mir zurufen: Aber so einfach ist das doch nicht! Meine Antwort darauf: Doch, so einfach ist das. Nicht die Menschen sind für den Staat da, sondern der Staat für die Menschen. Und wenn den keiner haben will, weil er die Freiheit mit Füßen tritt und nichts leistet, dann muss er eben weg. Oder die Menschen gehen von allein, wenn sie können.
Es ist Zeit, sich an diese einfache Wahrheit in Demut zu erinnern – 65 Jahre nach dem Höhepunkt der Schande des Sozialismus.