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Die Intoleranz der Toleranten

Wenn ausgerechnet die Selbsternannten Toleranten an abweichenden Meinungen scheitern, wird klar: Wahre Liberalität zeigt sich nicht im Konsens, sondern im Umgang mit Dissens.

Autor: Jörn Biernoth

Die Intoleranz der Toleranten. Der Vorwurf ist nicht neu, aber er bleibt brisant. Ausgerechnet jene Milieus, die sich selbst als besonders tolerant verstehen, zeigen im Alltag oft die geringste Bereitschaft, abweichende Meinungen zu akzeptieren. Aus kernliberaler, bürgerlich liberaler Sicht liegt hier ein grundlegendes Missverständnis vor.

Toleranz bedeutet nicht, nur jene Positionen zu dulden, die man ohnehin teilt. Sie zeigt sich gerade im Umgang mit unbequemen, fremden oder sogar als falsch empfundenen Ansichten. Und sie setzt etwas voraus, das im politischen Alltag oft zu kurz kommt: die Bereitschaft, anderen Meinungen zunächst einmal Rationalität und gute Gründe zu unterstellen. Wer jede abweichende Position vorschnell als Ausdruck von Unwissen, mangelnder Empathie oder falscher Gesinnung deutet, verweigert genau jene intellektuelle Offenheit, die eine freie Gesellschaft braucht.

Ein freiheitlicher Staat lebt davon, dass unterschiedliche Perspektiven nebeneinander bestehen können, ohne soziale Ächtung oder moralische Herabsetzung. Bürgerliche Liberalität geht davon aus, dass Menschen zu vernünftigen Urteilen fähig sind, auch wenn diese zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Wer Meinungsvielfalt nur innerhalb eines engen moralischen Korridors zulässt, ersetzt echte Liberalität durch Gesinnungskonformität. Wenn Toleranz zur Einbahnstraße wird, verliert sie ihren eigentlichen Sinn. Eine offene Gesellschaft braucht weniger moralische Selbstgewissheit und mehr Gelassenheit im Umgang mit Dissens.

Doch wer es sich hier zu einfach macht und nur nach außen blickt, verfehlt den entscheidenden Punkt. Denn diese Entwicklung betrifft nicht nur andere politische Milieus wie bei den Grünen oder der AfD (Siehe: Allensbach-Umfrage - Grüne und AfD-Anhänger besonders intolerant gegenüber anderen Meinungen). Auch wir Liberale müssen uns fragen, ob wir unserem eigenen Anspruch in der Praxis immer gerecht werden.

Der Liberalismus lebt vom Vertrauen in den mündigen Bürger und von der Überzeugung, dass Freiheit und Verantwortung untrennbar miteinander verbunden sind. Gerade deshalb sollte es selbstverständlich sein, unterschiedliche Auffassungen auszuhalten und ihnen mit Neugier statt mit Abwehr zu begegnen. In der Realität zeigt sich jedoch auch in unseren eigenen Reihen eine zunehmende Sensibilität gegenüber Positionen, die nicht in das jeweils vorherrschende Denkmuster passen.

Ein Beispiel aus der eigenen Partei macht das deutlich. In Berlin Mitte wurde über sogenannte Kiss and Ride Zonen vor Schulen diskutiert, also kurzfristige Haltemöglichkeiten für Eltern, für die Anwohnerparkplätze weichen sollen. Ob ein solches Instrument tatsächlich geeignet ist, die Sicherheit von Schulkindern zu erhöhen, welche Nebenwirkungen es hat und ob es das zugrunde liegende Problem überhaupt wirksam adressiert, sind Fragen, die eine sachliche und offene Debatte verdienen.

Stattdessen sah sich Kritik daran mit einem schwerwiegenden Vorwurf konfrontiert. Es wurde von einem Dammbruch gesprochen. Doch Dammbruch von was und gegenüber wem eigentlich. Ist es bereits ein Dammbruch, die Eigenverantwortung von Eltern zu thematisieren. Ist es ein Dammbruch, die Effektivität staatlicher Eingriffe zu hinterfragen oder mögliche Zielkonflikte offen anzusprechen. Solche Begriffe entfalten ihre Wirkung gerade dadurch, dass sie unklar bleiben. Sie signalisieren Gefahr, ohne sie konkret zu benennen, und setzen damit eine moralische Grenze, wo eigentlich eine argumentative Auseinandersetzung notwendig wäre.

Hinzu kommt ein zweites Problem. Wer solche Begriffe verwendet, unterstellt implizit, dass abweichende Positionen nicht nur falsch, sondern auch unvernünftig, verantwortungslos oder gar moralisch verwerflich sind. Damit wird dem Gegenüber die Fähigkeit abgesprochen, auf rationaler Grundlage zu argumentieren. Genau hier liegt ein Bruch mit dem liberalen Menschenbild. Denn dieses geht davon aus, dass auch der Andersdenkende Gründe hat, die zumindest nachvollziehbar sind, selbst wenn man sie am Ende nicht teilt.

Die Folge ist eine Verengung des Diskurses. Nicht mehr die bessere Begründung entscheidet, sondern die moralische Zuschreibung. Wer widerspricht, muss sich erst rechtfertigen, bevor überhaupt über Inhalte gesprochen werden kann. Damit wird Debatte anstrengender, ärmer und letztlich auch unproduktiver.

Das ist nicht nur ein intellektuelles Problem, sondern auch ein politisches. Ein Liberalismus, der intern beginnt, bestimmte Positionen zu delegitimieren, verliert an Glaubwürdigkeit. Wer nach außen Offenheit einfordert, muss sie nach innen vorleben.

Ein lebendiger Liberalismus braucht deshalb mehr als nur den Verweis auf Toleranz. Er braucht die aktive Praxis des Zuhörens, die Bereitschaft, Argumente ernst zu nehmen, und den Mut, auch unbequeme Fragen zuzulassen. Er braucht die Einsicht, dass man sich irren kann und dass auch die andere Seite Gründe haben könnte, die es wert sind, geprüft zu werden.

Selbstkritik ist dabei keine Schwäche, sondern eine Voraussetzung für Stärke. Wenn wir als Liberale den Anspruch haben, eine offene Gesellschaft zu verteidigen, dann müssen wir diesen Anspruch auch im eigenen Handeln einlösen. Das bedeutet mehr Vertrauen in die Kraft des Arguments und weniger Reflex zur moralischen Einordnung. Es bedeutet, anderen Meinungen nicht nur Raum zu geben, sondern ihnen auch intellektuelle Redlichkeit zuzugestehen.

Toleranz zeigt sich nicht darin, dass man sich einig ist. Sie zeigt sich dort, wo man es nicht ist und dennoch im Gespräch bleibt. Genau daran sollten wir uns messen lassen.