Babka & Krantz - Berlin darf jüdische Unternehmer nicht alleinlassen
Autor: Jörn Biernoth
Berlin lebt von Vielfalt. Von kleinen Läden, Cafés, Bäckereien, Galerien, Restaurants und Handwerksbetrieben, die unsere Kieze prägen. Wer in Berlin ein Geschäft eröffnet, investiert nicht nur Geld, sondern Vertrauen: Vertrauen in Kundinnen und Kunden, in die Nachbarschaft, in funktionierende Verwaltung – und in eine Stadt, die Freiheit schützt.
Die Schließung der jüdischen Meisterbäckerei „Babka & Krantz“ in Friedenau ist deshalb mehr als eine traurige Nachricht. Sie ist ein Warnsignal für ganz Berlin. Denn wenn ein jüdischer Betrieb nicht nur mit Baustellen, Umsatzeinbrüchen und Bürokratie kämpfen muss, sondern auch mit anhaltenden verbalen Übergriffen, dann geht es nicht mehr allein um ein einzelnes Geschäft. Dann geht es um die Frage, ob jüdisches Leben in dieser Stadt sichtbar, sicher und selbstverständlich sein kann.
„Babka & Krantz“ war kein gewöhnlicher Laden. Die Bäckerei stand für jüdische Kultur, Handwerk und Unternehmertum. Für Babka, Krantz, Challa und Gebäcktraditionen, die von Osteuropa über Deutschland bis nach Israel reichen. Für eine Form jüdischen Lebens, die nicht hinter Sicherheitsschleusen stattfindet, sondern mitten in der Nachbarschaft: offen, einladend, duftend nach Mohn, Kardamom, Sesam, Schokolade, Marzipan, Chili und Tahini.
Genau das macht den Fall so schmerzhaft. Berlin braucht Orte, an denen jüdische Kultur nicht nur erinnert, sondern gelebt wird. Orte, an denen Menschen nicht über jüdisches Leben sprechen, sondern ihm begegnen. Nicht abstrakt, nicht museal, nicht nur an Gedenktagen – sondern beim Kauf eines Hefezopfes am Freitag, beim Kaffee im Kiez, im ganz normalen Alltag.
Als Freie Demokraten sagen wir klar: Antisemitismus darf in Berlin niemals ein Standortfaktor werden. Kein Unternehmer, keine Unternehmerin darf sich fragen müssen, ob ein jüdischer Name am Schaufenster zum Risiko wird. Keine Familie darf überlegen müssen, ob sie ihre Identität besser versteckt. Kein Betrieb darf den Eindruck bekommen, mit Anfeindungen allein gelassen zu werden.
Natürlich haben Geschäftsaufgaben oft mehrere Ursachen. Baustellen können Existenzen bedrohen. Fehlende Erreichbarkeit kostet Umsatz. Wenn Verwaltung, Bezirk und Politik dann nicht schnell, pragmatisch und lösungsorientiert handeln, wird aus einer Baustelle ein wirtschaftliches Problem. Aber wenn zu all dem antisemitische Anfeindungen hinzukommen, verschiebt sich die Lage grundsätzlich. Dann reicht es nicht, mit den Schultern zu zucken und von „schwierigen Umständen“ zu sprechen.
Berlin muss aus solchen Fällen lernen. Erstens brauchen kleine Betriebe bei langwierigen Baustellen verlässliche Ansprechpartner, klare Kommunikation und spürbare Unterstützung. Wer monatelang durch Absperrungen von Laufkundschaft abgeschnitten wird, braucht keine warmen Worte, sondern konkrete Hilfe.
Zweitens müssen antisemitische Vorfälle konsequent erfasst, verfolgt und öffentlich benannt werden. Verbale Übergriffe sind nicht harmlos. Sie schaffen ein Klima der Einschüchterung. Sie bereiten den Boden dafür, dass Menschen sich zurückziehen, Orte schließen und jüdisches Leben wieder unsichtbarer wird.
Drittens braucht Berlin eine politische Kultur, die Antisemitismus nicht relativiert. Judenhass ist nicht erst dann ein Problem, wenn Schaufenster eingeschlagen werden. Er beginnt mit Parolen, Beschimpfungen, Ausgrenzung, Boykottfantasien und der Vorstellung, jüdische Berlinerinnen und Berliner müssten sich für Ereignisse im Nahen Osten rechtfertigen. Wer jüdische Menschen kollektiv verantwortlich macht, handelt antisemitisch – egal, aus welchem politischen Milieu er kommt.
Gerade für uns als FDP ist klar: Freiheit ist nicht nur ein Wort für Sonntagsreden. Freiheit bedeutet, ohne Angst ein Geschäft zu eröffnen. Freiheit bedeutet, seine Religion und Kultur sichtbar leben zu können. Freiheit bedeutet, dass der Staat diejenigen schützt, die angefeindet werden – und nicht erst reagiert, wenn es zu spät ist.
Der Hackesche Markt und die Spandauer Vorstadt erinnern uns täglich daran, wie eng jüdische Geschichte, Berliner Stadtleben, Handel, Kultur und bürgerliches Engagement miteinander verbunden sind. Diese Geschichte verpflichtet uns. Nicht zu symbolischer Betroffenheit, sondern zu praktischem Handeln.
Wir wollen eine Stadt, in der jüdische Bäckereien öffnen, wachsen und florieren können. Eine Stadt, in der ein Davidstern, ein hebräischer Name oder koschere Backwaren kein Sicherheitsrisiko darstellen. Eine Stadt, in der Bezirke nicht nur verwalten, sondern ermöglichen. Eine Stadt, die Gründerinnen und Gründer nicht alleinlässt – schon gar nicht, wenn Hass ihr Geschäft bedroht.
Die Schließung von „Babka & Krantz“ darf nicht einfach zur nächsten traurigen Meldung werden. Sie muss ein Weckruf sein. Für bessere Baustellenkoordination. Für schnellere Hilfe für kleine Betriebe. Für konsequentere Bekämpfung von Antisemitismus. Und für eine Stadtgesellschaft, die jüdisches Leben nicht nur betrauert, wenn es verschwindet, sondern unterstützt, solange es da ist.
Berlin darf nicht zulassen, dass Antisemitismus Geschäftsmodelle zerstört, Nachbarschaften ärmer macht und jüdisches Leben aus dem öffentlichen Raum drängt. Wer das ernst meint, muss jetzt handeln.